Irland sagt Ja zur Homo-Ehe
Der „keltische Tiger“ wird regenbogenbunt

Historisches Referendum auf der grünen Insel: Das einst von der katholischen Kirche kontrollierte Irland führt die Homo-Ehe ein – per Volksentscheid. Das ist ein richtungsweisender Schritt, auch für Europa.
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Dublin/LondonIrland feiert am Samstag eine riesige Schwulen- und Lesben-Verlobungsparty: Mit großer Mehrheit haben die Bürger für die Einführung der Homo-Ehe gestimmt. Nach dem offiziellen Ergebnis der Volksabstimmung, das am Abend gegen 20 Uhr deutscher Zeit verkündet wurde, votierten 62,1 Prozent der Wähler für die von der Regierung vorgeschlagenene Verfassungsänderung. Die Beteiligung lag bei etwas mehr als 60 Prozent.

Vor erst 22 Jahren wurde in dem Land das gesetzliche Verbot von gleichgeschlechtlichen Sexakten aufgehoben. Nun hat der bei uns immer noch als stockkatholisch und in Moralfragen als konservativ bekannte Inselstaat die Homo-Ehe legalisiert. Ein erstaunlicher Riesenschritt in die Zukunft, an vielen anderen Ländern Europas und der Welt vorbei – auch Deutschland. Nur 17 Länder der Welt haben bisher diesen Schritt über die verbreitetere „eingetragene Partnerschaft“ für Homosexuellenpaare hinaus vollzogen.

Noch außergewöhnlicher: Es ist das erste Mal in der Welt, dass dieser entscheidende und kontroverse Schritt der Liberalisierung und Modernisierung durch ein direktes, unumstößliches Volksmandat vollzogen wurde. Per Referendum wurde in der 34. Änderung der irischen Verfassung der Artikel 41, der die „unveräußerlichen Rechte der Familie“ definiert, ein schlichter Zusatz eingefügt wird: „Eine Ehe kann rechtmäßig von zwei Personen ohne Unterschied ihres Geschlechts geschlossen werden“.

Schon am Vormittag, lange bevor das abschließende Ergebnis der Auszählung bekannt war, sagte Gleichheitsminister Aodhan O Riordain per Twitter: „Es ist ein Ja. Ich bin heute so stolz, Ire zu sein“. Referenden sind in Irland keine Seltenheit. Aber seit dem EU-Beitrittsreferendum 1972 hat kein irisches Referendum ein solches Masseninteresse ausgelöst – jeder sechste der 3,2 Millionen Wahlberechtigte nahm teil.

Nicht lange nach Beginn der Auszählung konzedierte die „Nein“-Seite ihre Niederlage. Wohl noch nie in der Geschichte wurde der Gleichheitsgrundsatz in der Ehe und die Abkehr von der einstigen, sozial verbindlichen Definition von Ehe und Familie als rein heterosexueller Veranstaltung von einem Land so emphatisch vollzogen.

Niemand kann noch sagen, diese Änderung der Sitten sei den Iren über ihre Köpfe hinweg von einer politischen oder urbanen Elite aufgedrängt worden. Auch wenn die „Yes“ Kampagne bei diesem Referendum von Dublin aus gesteuert und angetrieben wurde, von bekannten Namen aus Rundfunk und Fernsehen, von Prominenten, die sich selbst outeten und ihre persönlichen Lebensgeschichten in die Waagschale warfen – die positive Botschaft von Gleichheit und Liebe schwemmte von Dublin aus über das ganze Land und ließ auch die ferneren ländlichen Gebiete nicht kalt, wo die Sittenkontrolle noch strenger ist und die Moral noch in hohem Maße von katholischen Priestern von der Kanzel herab definiert wird.

Der klare Sieg der Gleichheitskampagne und die Begeisterung, die diese gesellschaftliche Revolution auslöst, zeigt einmal mehr, wie in unserer vernetzten Welt auch Fragen von Moral und gesellschaftlicher Organisation dem globalen Konkurrenzdruck unterstehen. Man mag es bedauern oder nicht, es wird immer schwerer sein, dass separate Nischen ihre eigene Weltordnung erhalten – mögen sich diese Nischenwelten auch als „heile“ Welten empfinden.

Iren stehen im engsten kulturellen Kontext mit Großbritannien. Sie fahren seit Jahrzehnten zur Abtreibung mit der Fähre ins liberale England. Als die Briten 2005 die „eingetragene Partnerschaft“ für gleichgeschlechtliche Paare einführten und 2013 die Gleichstellung der Heirat auch für Homo-Ehen eingeführt wurde, blieb das den Iren nicht verborgen – zumal britische Gesetze auch in Nordirland, mitten unter ihnen, gültig sind.

Die Säkularisierung machte in Irland schon in den Jahren des „keltischen Tigers“ einen riesigen Sprung, als sich das Land im Rekordtempo von einer alten Agrargesellschaft in eine moderne, liberale Dienstleistungsgesellschaft verwandelte.

Vor der Finanzkrise war Irland sogar mehrere Jahre ein Einwanderungsland. Das einstige kleinstädtische Dublin mit seinem parochialen Charme hatte immer ein stolzes Selbstbewusstsein als intellektuelles und literarisches Zentrum. Heute ist es eine diversifizierte, internationale, weltoffene Metropole.

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Der „keltische Tiger“ wird regenbogenbunt

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Nicht mehr das schrullige, religiös-kleinkarierte Hinterland

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