Irland
Vom keltischen Tiger zur streunenden Katze

Jahrelang war Irlands Ex-Premier Bertie Ahern beliebt. Heute wird er dafür verantwortlich gemacht, das Land ruiniert zu haben – mit Vetternwirtschaft, halsbrecherischen Spekulationsgeschäften und blindem Vertrauen in die Märkte.
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DUBLIN/LONDON. Vor zwei Jahren wäre ihm das noch nicht passiert: Bertie Ahern sucht an diesem regnerischen Novembertag am Rande einer Unternehmerkonferenz in Dublin eine stille Ecke, um ein Gespräch zu führen. Irlands ehemaliger Premier geht im Konferenzzentrum von einem Arbeitsraum zum nächsten. Er öffnet Türen, doch alle Räume sind belegt, keiner mag dem Politiker weichen. Er erntet allenfalls Hohn, Spott und gehässige Bemerkungen, als er die Tür hinter sich zuzieht.

"Dass der sich überhaupt noch unter die Leute traut", sagt der Chef eines irischen Unternehmens. "Der Typ ist so inkompetent, dass er noch nicht mal merkt, was er angerichtet hat", sagt der Manager eines anderen Konzerns.

Jahrelang war Ahern populär. Er ist der erste irische Premier seit dem Zweiten Weltkrieg, der drei Wahlen hintereinander gewann. Im Mai 2008 musste er abtreten - wegen dubioser Geldgeschäfte. Heute gilt Ahern als einer von denen, die ihr Land ruiniert haben - mit Vetternwirtschaft, halsbrecherischen Spekulationsgeschäften und blindem Vertrauen in die Märkte.

Geht es um die Frage, wer schuld ist an dem tiefen und rasanten Absturz des keltischen Tigers, ist Ahern einer der Ersten, deren Namen fällt - in einem Atemzug mit Patrick Neary, dem ehemaligen Chef der irischen Finanzaufsicht IFR, und Sean Fitzpatrick, Ex-Chef der Anglo Irish Bank (AIB). Irland droht ein zweiter Fall Griechenland zu werden. Und das liegt an diesen Männern und ihren Hinterlassenschaften.

Sean Fitzpatrick hat 22 Jahre lang die Geschicke von AIB bestimmt, jener Bank, die sich als das größte Milliardengrab für den irischen Steuerzahler erwiesen hat. 25 Mrd. Euro hat die Regierung in Dublin schon in das inzwischen komplett verstaatlichte Institut gepumpt. Die Rettung von AIB ist der Hauptgrund dafür, dass das irische Haushaltsdefizit in diesem Jahr auf atemberaubende 32 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigt.

Als Fitzpatrick 1986 mit nur 38 Jahren den Chefposten bei AIB übernahm, da war die Bank noch ein unbedeutendes Provinz-Institut mit gerade 42 Mio. Euro Gewinn. Unmittelbar vor dem Platzen der Spekulationsblase lag der Gewinn bei 1,2 Mrd. Euro und die Eigenkapitalrendite bei 30 Prozent. Doch es war ein gigantisches Potemkin?sches Dorf, das Fitzpatrick aufgebaut hatte: Einen Großteil der Geschäfte machte AIB mit nur 15 Immobilienentwicklern - jedem einzelnen hatte das Institut mehr als eine halbe Milliarde Euro geliehen. Im Vergleich dazu mutet die Summe, die ihn Ende 2008 den Job kostete, fast mickrig an. Es ging um Kredite über 87 Mio. Euro, die Fitzpatrick heimlich von seiner Bank bekommen hatte. Normalerweise hätten diese Darlehen im Geschäftsbericht aufgeführt werden müssen - das verhinderte Fitzpatrick aber acht Jahre lang mit zahlreichen Bilanztricks.

Auch Patrick Neary, den Chef der irischen Bankenaufsicht, kosteten diese krummen Geschäfte den Job. Denn mindestens zehn Monate lang wusste die Finanzaufsicht davon, ohne etwas zu unternehmen.

Neary war Vordenker der laxen Bankenaufsicht in Irland, er sah in ihr eine andere Art von Standortpolitik. "Es ist kein Zufall, dass sich internationale Finanzdienstleister, die an der vordersten Front der Produktinnovationen stehen, in Irland niederlassen", erklärte er vor Ausbruch der Krise.

Neary verwöhnte die Finanzbranche, Bertie Ahern die Immobilienwirtschaft. Als Premier heizte er den Bauboom mit allerhand Steuervergünstigungen an. Es entstand eine riesige Blase. Im Jahr 2006 arbeitete jeder vierte irische Mann in der Baubranche. Sie errichteten Bürotürme und Einkaufscenter, Hotels und Privathäuser, die keiner braucht und die längst keiner mehr bezahlen kann. Ahern selbst weist jede Schuld an der Krise weit von sich. Noch Anfang 2009, als die irische Wirtschaft schon längst kollabierte, reiste er um die Welt und hielt Vorträge über das Erfolgsmodell Irland.

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  • Aib als Anglo irish zu bezeichnen ist kein kleiner Lapsus.
    Schon irgendwie ironisch wenn man ueber die inkompetenz anderer schreibt und dann sowas passiert.

  • John Kenneth Gailbraith "A Short History on Financial Euphoria" oder "Kleine Geschichte der Spekulation". Es verläuft immer nach dem gleichen Muster: innovative Technik, innovative Finanzierung, sagenhafte Rendite, blase, Crash, Staatsanwalt. Man muss dieses kleine büchlein einfach gelesen haben. Ob holländische Tulpen, Eisenbahnen, Dotcom - es ist immer das gleiche. Das wirtschaftspolitische Gedächtnis der Menschen ist kurz, der Ehrgeiz der Jungspunde nicht zu bremsen, und am Ende, wenn alles zusammengebrochen ist, werden die Sündenböcke gejagt. Dann schwört die Gesellschaft eine kleine Weile Abbitte, und alles geht von vorn los.

  • warum ...
    leisten sich die Deutschen nicht auch einmal eine bubble a la Spanien, irland, Griechenland, Protugal, USA, England.
    Das kann doch 20 Jaher gutgehen, wie die Vorbilder zeigen.
    am Ende zahlt das dann doch eh wieder der dumme deutsche Michel, also lasst uns doch auch einmal tanzen

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