Irland wählt
Im Schatten des Booms

Irlands Wirtschaft wächst, doch der Aufschwung hat noch lange nicht alle erreicht. Die Zahl der Obdachlosen nimmt sogar zu – ein Problem, das die nächste Regierung angehen muss. Heute wird sie gewählt.

DublinDie Jeans ist nicht gebügelt, aber sauber – ebenso wie seine dunkelblaue Kapuzenjacke. Die Turnschuhe aus Stoff sind nicht optimal für die Temperatur von etwas über null Grad und Regen, aber eigentlich in einem guten Zustand. Der Mann unterscheidet sich dadurch von einigen anderen, die an diesem kalten Februartag in einer Dubliner Einkaufsstraße sitzen – vor sich einen Pappbecher mit ein paar Münzen. Und vielleicht ist auch seine Geschichte anders, die er langsam und zögernd erzählt.

„Nein, ich bin hier nicht jeden Tag“, sagt er, „nur ab und zu, wenn ich meinen Kindern was gutes tun will.“ Denn dafür reiche sein Geld nicht. Er arbeite in einem Lebensmittelladen und räume Regale ein. Eine Wohnung könne er sich davon auch nicht leisten. Vor gut einem Jahr habe er daher ausziehen müssen, erzählt der Mann.

„Irgendwann ging dem Vermieter die Geduld mit uns aus.“ Mit Frau und den beiden Kindern sei er zu den Schwiegereltern gezogen. „Doch das ist nicht gut gegangen.“ Inzwischen schlafe er meist in einer Obdachlosenheim und sehe seine Familie nur selten.

Obdachlose, Bettler, Gescheiterte. Für Großstädte wie Dublin ist das kein neues Phänomen. Was den Hilfsorganisation aber in zunehmenden Maße Sorgen macht: Es landen inzwischen mehr Menschen auf der Straße, die zwar einen Job haben, sich aber die steigenden Mieten nicht leisten können. Das gehört zu den Schattenseiten des neuen Aufschwungs, der die grüne Insel erfasst hat.

Die Wirtschaft wächst wieder – voraussichtlich mit fünf Prozent in diesem Jahr und damit deutlich stärker als in anderen Ländern. Ausländische Unternehmen investieren vor allem in Dublin, schaffen neue Jobs und ziehen Menschen aus dem Umland an.

Die Mieten steigen, weil das Angebot nicht mit der Nachfrage mithalten kann. All diejenigen, die kaum finanziellen Spielraum haben, werden aus ihren Wohnungen rausgedrängt. Dieses Problem zu lösen und wieder mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen – das gilt als eine der großen Aufgaben für die nächste Regierung. An diesem Freitag werden die 4,8 Millionen Iren ihr neues Parlament wählen.

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Immer mehr Obdachlose

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