Irlands Finanzminister
„Wir sind nicht auf der Suche nach Rettern“

Um seinen Job ist Irlands Finanzminister Brian Lenihan derzeit wohl kaum zu beneiden. Der einstige „keltische Tiger“ leidet unter der Finanzkrise wie kaum ein anderes EU-Land. Mit dem Handelsblatt sprach der zweitmächtigste Mann in Irlands Regierung über den Euro, den Lissabonner Vertrag, Irlands Strategie in der Krise und Vergleiche mit Island.

Handelsblatt: Herr Minister, welche Auswirkungen wird eine strengere Regulierung der Finanzmärkte auf Irland haben?

Brian Lenihan: Wir begrüßen sehr, dass sich die G20 um die Beseitigung von Steueroasen bemüht. Davon wird Irland profitieren, denn wir werden weder in den USA noch in der EU als Steueroase eingestuft. Schon jetzt klopfen Unternehmen bei uns an, die bisher in englischsprachigen Steueroasen saßen. Die zahlen bei uns zwölf Prozent Steuern statt bisher null, aber das ist ja auch noch gut.

Dafür wird Irland aber von Investoren als einer der Problemfälle in der Euro-Zone gesehen.

Wir sind der einzige englischsprachige Staat in der Euro-Zone, das ist unser Problem. Unser Bankensystem ist stark von Finanzierungen aus den USA und Großbritannien abhängig. Und dort müssen wir ständig erklären, wie der Euro funktioniert. Wenn wir Gespräche in New York und London führen, dann stellen wir fest: Die Leute verstehen gar nicht, dass die EZB genauso hinter den irischen Banken steht wie die Fed hinter den US-Banken. Das ist doch unglaublich.

Ist das der Grund, warum Sie für mehrere Tage in London sind?

Normalerweise geht der irische Finanzminister in die USA, um den St. Patrick's Day zu feiern, zu den großen Paraden in Boston oder Chicago. Aber in diesem Jahr bin ich nach London gekommen, weil es wichtig ist, positive Botschaften zu verbreiten. Ganz wichtig ist, dass der Euro nicht schuld an unseren Problemen ist.

Hätten Sie in dieser Lage nicht gerne eine Währung, die Sie abwerten könnten, wie die Briten?

Der Nachteil unserer Euro-Mitgliedschaft ist, dass die Briten mit der Abwertung des Pfund unsere Exporte nach Großbritannien unter großen Druck gesetzt haben. Positiv ist aber natürlich die Stabilität, die der Euro unserem Bankensystem verleiht. Die geradezu zwanghafte Vorstellung hier in London, dass Irland wie Island ist, ist einfach nur bizarr. Ein Teil dieser Diskussion geht auf die englische Presse zurück, die in großen Teilen dem Euro sehr skeptisch gegenübersteht.

Also ist der Ausstieg aus dem Euro keine Option?

Das ganze Gerede über ein Auseinanderbrechen der Währungsunion ist absurd. Die Idee, dass Irland aus dem Euro aussteigt, ist Unsinn. Das wäre so, als würde Texas den Dollar aufgeben. Natürlich gibt es in Irland große realwirtschaftliche Probleme, aber im Finanzsystem sehen wir keine großen Stresssymptome, und das ist so, weil wir in der Währungsunion sind. Die Bevölkerung erkennt das, und darum gibt es in Umfragen inzwischen deutlich mehr Zustimmung zum Lissabonner Vertrag.

Wollen Sie das für ein zweites Referendum nutzen?

Das „Nein“ im letzten Jahr war ein Zeichen von Hybris und eine große Enttäuschung für uns. Gerade jetzt in der Wirtschaftskrise verstehen die Iren, wie wichtig die EU immer für uns war. Wir sind entschlossen, bald ein neues Referendum abzuhalten.

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