Irlands Schuldenberg
Atemberaubender Absturz

Die Rettung maroder Banken hat Irland in eine Krise gestürzt. Das Land muss dringend sparen, um das Haushaltsdefizit zu senken. Das Rettungsprogramm muss hart sein, das Land versinkt im Schuldensumpf. Es ist ein atemberaubender Absturz eines ehemaligen Boom-Landes, das seinen Boom auf Pump finanzierte.
  • 2

DUBLIN. Vielleicht wollte er einfach nur mal gute Nachrichten hören. Brian Lenihan, irischer Finanzminister, der seit Monaten gegen das exorbitante Haushaltsdefizit des Landes ankämpft, mischte sich am Mittwoch dieser Woche unter die Teilnehmer einer Konferenz. Irische Unternehmer berichteten dort, dass sie neue Arbeitsplätze schaffen, dass sie Exporterfolge feiern, dass es wieder aufwärts geht.

Lenihan hatte seinen Besuch nicht angekündigt, selbst die Organisatoren waren erstaunt. Vielleicht wollte sich der Minister auf der Arbeitgeber-Konferenz Mut machen - für den heutigen Donnerstag, für den nächsten Tag, an dem weitere schlechte Nachrichten anstanden.

Die irische Regierung hat den Umfang der Sparrunde für 2011 verkündet. Allein im nächsten Jahr will sie sechs Milliarden Euro einsparen. Insgesamt will Irland seine Ausgaben in den nächsten vier Jahren um 15 Milliarden Euro kürzen, um so das Haushaltsdefizit von derzeit 32 Prozent auf drei Prozent bis Ende 2014 zu senken - wie von den EU gefordert. Die komplette Liste der Grausamkeiten wird Lenihan voraussichtlich Anfang Dezember verkünden, wenn er seines Haushaltsentwurf für 2011 vorlegt.

Irland hat wegen milliardenschwerer Rettungsmaßnahmen für sein marodes Bankensystem auch enorme Schulden angehäuft: insgesamt 160 Milliarden Euro, das entspricht fast 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen Irlands und anderer finanzschwacher Eurostaaten waren in den vergangenen Tagen dramatisch gestiegen.

Der EU-Währungskommissar begrüßte die Sparpläne der irischen Regierung. Die Ankündigung unterstreiche die Entschlossenheit der irischen Behörden, die Verschuldung bis 2014 auf ein nachhaltiges Maß zurückzuschrauben. Die Kommission unterstütze die irische Regierung bei ihren Bemühungen, die Sparmaßnahmen auch mit strukturellen Veränderungen zu begleiten. Es seien in der Tat Reformen notwendig, die zu Wachstum und Beschäftigung führen.

Allerdings könnte es wegen einer Nachwahl am 25. November schwerer werden für die irische Regierung, ihre Sparpläne durch das Parlament zu bekommen. Die Mehrheit der Regierung könnte nach der Wahl auf zwei Stimmen schrumpfen.

Trotz der Einschnitte erwartet Lenihan, dass die Wirtschaft im nächsten Jahr um 1,75 Prozent wächst. Die Regierung betonte, man wolle versuchen, den größten Teil der Haushaltskonsolidierung über Einsparungen und nicht durch Steuererhöhungen zu schultern. Die meisten Sparmaßnahmen sollen bis Ende 2011 greifen, sagte Lenihan. Irland will die Krise aus eigener Kraft meistern und nicht den EU-Rettungsfonds in Anspruch nehmen, daran hält Lenihan weiterhin fest.

Doch an den Finanzmärkten mehren sich die Zweifel, ob das gelingen kann. An acht Tagen in Folge erhöhten sich die Risikoaufschläge für irische Staatsanleihen. Der Zinssatz stieg auf den höchsten Stand seit Einführung des Euro.

Es ist ein atemberaubender Absturz, den Irland hingelegt hat. Vor kurzem wurde das Land wegen seiner beeindruckenden Wachstumsraten noch als keltischer Tiger gefeiert. Dank niedriger Steuern eröffneten amerikanische Konzerne wie Google, Ebay und Facebook hier ihre Europazentralen, viele gutbezahlte Arbeitsplätze entstanden.

Doch der Boom war auf Pump finanziert. Banken investierten ihre Kredite in Bürotürme und Einkaufscenter, in Hotels und in Privathäuser, die inzwischen keiner mehr braucht, die keiner mehr bezahlen kann. Die Finanzkrise setzte dem Treiben ein Ende und ließ die Immobilienblase platzen.

Seite 1:

Atemberaubender Absturz

Seite 2:

Kommentare zu " Irlands Schuldenberg: Atemberaubender Absturz"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • ich habe eine Frage:

    Warum mußte die irische Regierung die banken retten?

    Wäre es nicht besser gewesen die banken abzuwickeln und die Spareinlagen der "kleinen Leute" nach und nach auszuzahlen.

    irland hat doch auch Sparkassen? Diese könnten doch auch den Wirtschaftskreislauf aufrecht erhalten und später kann man wieder Privatbanken aufbauen.

    Für eine Anwort wäre ich dankbar.

  • Jetzt beginnt der Showdown für den vor allem deutsch, aber gottlob auch beträchtlich französisch finanzierten EU-Schuldenübernahme-Schutzschirm für eine mit ihren Schulden völlig außer Kontrolle geratene EU und Euro-Union.

    Der Politik wird es ihre Lust an hirnkranken Experimenten mit der eigenen Volkswirtschaft nicht nehmen; der intern wie extern krebsmetastasierenden Sozialbürokratie sowieso nicht. Die leben ja von den Wucherungen. Global weniger, im Euroland umso mehr.

    Möge sich mit irland das Ende eines irrsinnigen Euro-Projekts, weil im Konzept schon verfehlt und von den Deutschen in jedem Rechtsbruch hingenommenen und anschließend beförderten, den deutschen bürger extrem schädigenden Europa-Wahns, ankündigen. Dieses Experiment reicht uns maßlos verschuldeten bürger, deren Regierung uns und unsere Nachkommen zu schützen hätte und das gerade Gegenteil davon tut. Jeden Tag. Dank Merkel.

    Warum macht man kein Europa der kleinen Schritte, des Realismus, volkswirtschaftlicher Einsichten, der Fairness, der Aufklärung und Zustimmung der EU-Völker, statt sie ständig auszutricksen, für blöd zu halten und ins Elend zu führen. Kluge Kritiker und Analytiker aus Europa und überall in der Welt gibt es doch genug.

    Europa ist - leider - eine den freien bürger fortschreitend entmündigende bürokratenveranstaltung zu dessen Lasten - für Projekte, die nie durch Rationalität bestimmt waren; vor allem aber durch Sozial-/Transferausgleich, eine inzwischen verheerend wirkende EU-Mixtur. Warum? Weil Stärkere Schulden machen müssen, damit Schwächere sich nicht stärken müssen: ein unheilbar krankes System; spätestens, wenn die Stärkeren kollabieren.

    Das geht jetzt mit irland los, und die Deutschen werden zahlen.

    Merkel wird uns natürlich morgen oder übermorgen erzählen, daß alle Sparguthaben sicher seien. Nur, die Sicherungsfonds sind alle leer. Wie in irland.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%