IS in Libyen
Krieg der Teilzeitkämpfer

Vor einigen Wochen war die Sorge angesichts der schnellen Ausbreitung des IS in Libyen noch groß. Jetzt scheint die Niederlage der Terroristen nah – doch wie es danach in dem Krisenland weitergehen soll, ist noch unklar.

SirteMohammed Ghasri schaut nach links, stutzt und gibt Anweisung, das Auto zu stoppen. Er hat seinen Sohn im Kampfgewirr entdeckt. Der Militärsprecher steigt aus seinem gepanzerten Geländewagen. Ein Kuss links. Ein Kuss rechts. 2500 Meter hinter ihm steht das belagerte Konferenzzentrum von Sirte. Das Hauptquartier der Terrormiliz Islamischer Staat in Libyen.

Es ist ein Ort der rastlosen Anspannung. Der Unsicherheit und der Furcht. Hier, an einer halb zerschossenen Mauer, endet die Zivilisation. Dahinter beginnt die fanatische Gewaltherrschaft einer Terrorgruppe, so gefürchtet wie keine andere auf der Welt.

Kämpfer – von Soldaten einer Armee kann keine Rede sein – ducken sich hinter der Wand. Als könnte sie Schutz bieten vor dem Abgrund, der sich auf der anderen Seite auftut. Die Sonne brennt fast senkrecht auf ihre Köpfe. Doch die Sommerhitze Nordafrikas, die trockene Luft, die den Wüstensand in Nasenlöcher und Kehlen treibt, ist hier an der Westfront Sirtes das geringste Problem.

Es sind die heftigsten Kämpfe seit Wochen. Schüsse fallen. Dumpfe Schläge abgefeuerter Mörser erschüttern den Boden und wirbeln staubige Schleier durch die Gassen der Pick-ups und Jeeps. Auf einer sandigen Heckscheibe hat jemand mit dem Finger auf Arabisch „el mansur“ – „siegreich“ – geschrieben.

Der Triumph scheint nah. Doch die Scharfschützen des IS lauern immer noch. In einer Kerbe, die ein Projektil in die Mauer gerissen hat, steckt ein Fernglas. Es ist auf das Konferenzzentrum gerichtet. „Wir gehen jetzt rein“, sagt Ghasris Sohn. Der junge Mann mit dem dunklen Haar nestelt an seinem Camouflagehelm. Eine kurze Verabschiedung vom Vater. Er geht.

Berlin, Paris, London und Washington. Alle waren sie vor einigen Wochen noch in Sorge angesichts der schnellen Ausbreitung des Islamischen Staates in Libyen. Ohne massive Luftschläge westlicher Militärmächte würde niemand den Vormarsch aufhalten können. Das nahe Handelszentrum Misrata könnte fallen. Danach die Hauptstadt Tripolis. So schien es.

Dann machten die Milizen Misratas ernst. An der Überlandstraße nach Sirte, wo vor kurzem noch der IS herrschte, umweht heute Wüstensand ausgebrannte Autowracks. Die Wagen waren randvoll mit Sprengstoff, als die Selbstmordattentäter der Terrormiliz den Zünder drückten. Die gewaltigen Explosionen rissen viele vorrückende Kämpfer in den Tod. Doch die Milizen der Operation Bunjan Marsus drängten die Extremisten zurück bis nach Sirte.

Einen solchen Gegner habe er noch nie gehabt, sagt ein Milizen-Führer. Er sitzt im Hinterzimmer eines verrauchten Cafés und zieht an seiner Shisha. „Wir kämpfen gegen Personen, die sterben wollen. Das macht sie unmenschlich.“

Doch einige von ihnen werden versuchen, dem Tod zu entgehen und sich unter die Zivilisten zu mischen. Ein Video aus einem eroberten Haus zeigt eilig abrasierte, dunkle Dschihadistenbärte. Schläferzellen gibt es im gesamten Land. Misrata fürchtet blutige Vergeltung.

Die Schlacht gegen die internationale Terrorgruppe wird offiziell von der UN-vermittelten Einheitsregierung geleitet, die das gespaltene Land einen soll. Am Boden jedoch rücken Teilzeitkämpfer Dutzender Milizen vor. Ein bunter Haufen. Einige tragen sandfarbenen Tarn, andere T-Shirt und Jeans. Einige haben Helme, andere berichten von jungen Männern, die unbewaffnet in den Kampf ziehen wollten. Es scheint so, als habe fast jede Familie in Misrata einen Sohn an der Front.

Ein Sieg über den IS wäre ein großer Erfolg für die Einheitsregierung in Tripolis. Doch ohne das Wohlwollen der Milizen ist die Regierung nahezu machtlos. Es war das Chaos, die Rivalität, die ein Machtvakuum schuf und den IS in Libyen erst groß machte. „Iss ihn zu Mittag, bevor er dich zum Abendessen verspeist“, sagen sie in Libyen heute. Töte die Dschihadisten, bevor sie dich töten.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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