IS macht Kinder zu Attentätern
Sprengstoff steckt unter dem Messi-Trikot

Schulen trichtern den Kleinsten Hass ein, Jugendliche werden vor laufender Kamera zum Mord gezwungen: Der IS missbraucht immer mehr Kinder für seinen Terror. Im Irak brach der Attentäter kurz vor der Tat in Tränen aus.
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KairoDie irakische Stadt Kirkuk erlebte am Sonntagabend dramatische Momente. Der schlaksige Halbwüchsige im Trikot des Barcelona-Stars Lionel Messi fiel kurdischen Polizisten auf, weil er bei der Kontrolle plötzlich anfing zu schluchzen. Unter seinem T-Shirt steckte ein weißer Sprengstoffgürtel.

Zwei Uniformierte hielten den Jungen sofort an seinen Armen fest und holten Peschmerga-Spezialisten zu Hilfe. Die schnitten mit einer Zange Kabel und Halterungen durch. Als der Gürtel zu Boden fiel, zerrten die Männer den Jungen schnell weg von dem Mordinstrument, während Schaulustige und Ladenbesitzer erleichtert applaudierten. Mit verstörtem Blick starrte der Teenager in die Nacht, sein Barcelona-Shirt mit der gelben Nummer 10 lag zerrissen auf dem Asphalt. Dann schoben ihn die Beamten in einen Polizeiwagen, wo der Kleine mit bloßem Oberkörper erneut anfing zu weinen, und fuhren davon.

Bislang hüllen sich die kurdischen Behörden in Schweigen über die Hintergründe des verhinderten Attentates, wer den Jungen präpariert und geschickt hat und wo genau er sich in die Luft sprengen sollte. Anwohner vermuten, dass er die Bombe während des Abendgebetes in einer nahe gelegenen schiitischen Moschee zünden wollte. Und vieles deutet darauf hin, dass auch in Kirkuk – wie tags zuvor bei der Explosion inmitten einer Hochzeitsgesellschaft im türkischen Gaziantep - der „Islamische Staat“ dahinter steckt.

In Gaziantep hatte sich am Samstag ein Attentäter unter die Gäste gemischt, die auf offener Straße feierten. 51 Menschen starben, 69 wurden verletzt, 17 schweben noch in Lebensgefahr. Das Brautpaar überlebte das Blutbad leicht verletzt. Zunächst teilt Präsident Erdogan mit, der Attentäter sei etwa ein 12- bis 14-Jähriger, später korrigiert Ministerpräsident Yildirim diese Angaben.

In Kirkuk wurde der rechtzeitig entschärfte Gürtel später an einem sicheren Ort gezündet. Für einige Sekunden erhellte ein greller Blitz die nächtlichen Straßen und demonstrierte den Bewohnern, wie knapp ihre Stadt einem ähnlichen Massaker wie in Gaziantep entkommen war.
„Der Islamische Staat mobilisiert Kinder und Jugendliche in einem wachsenden und beispiellosen Maße“, urteilt die bisher einzige Studie zu dem Thema, die von der „Georgia State University“ in Atlanta erarbeitet wurde. Dazu werten drei Forscher insgesamt 89 Twitter-Fotos und -videos aus, auf denen zwischen Januar 2015 und Januar 2016 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen acht und 18 Jahren als sogenannte IS-Märtyrer gefeiert werden.

Etwa 40 Prozent ihrer Gewalttaten sind Selbstmordattentate mit Dynamit gefüllten Autos. 33 Prozent der Halbwüchsigen starben als Kämpfer auf dem Schlachtfeld, 18 Prozent nahmen an sogenannten Inghimasis-Operationen teil, bei denen Gruppen von Kämpfern mit leichten Waffen hinter die Linien ihrer Gegner einsickern und sich dann gemeinsam in die Luft sprengen. Die weit überwiegende Zahl der dokumentierten Kinder-Attentate richtete sich gegen Polizisten, Soldaten oder Milizionäre.

Lediglich in drei Prozent der Fälle sprengten sich Jugendliche inmitten von Zivilisten in die Luft. Solche Aktionen sind „eine sehr effektive Form von psychologischer Kriegsführung“, urteilen die Wissenschaftler, die mit zunehmenden IS-Einsätzen von Minderjährigen rechnen.

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  •  Es geht hier wohl eher um die Vorbereitungen für einen Krieg gegen Russland, den die NATO unbedingt führen will. Wenn die mehrfache Mörderin Clinton im November die Wahlen gewinnen sollte, geht es (auch für deutsche Soldaten) wieder Richtung Moskau. Ob man diesmal an das Ziel näher herankommt als 50 km? Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette  

  • Ein schwieriger Artikel! Nicht desto trotz, er formuliert die Wahrheit, auch wenn es beim Lesen nur schwer erträglich ist!

    Was wird die Medienöffentlichkeit aus so einem Artikel machen? Meine Einschätzung: gar nichts!

    Das Bild vom edlen Flüchtling, der nur Opfer ist, war ja nie durch etwas begründet. Als die jungen Männer an unseren Grenzen / Bahnhöfen standen wurden in den Medien nur die vereinzelten Kleinkinder gezeigt und die Tatsache, dass im Wesentlichen desertierende Assad-Truppen da kamen wurde ignoriert. Den Zusammenhang bekam man bei BBC Worldnews erklärt. Aber seit Putin denen wieder hilft, ging das ja auch wieder zurück.

    Das Leben war bestimmt nicht fair zu den Flüchtlingen, wie auch zu den kleinen Kindern, die sich für den IS in die Luft sprengen sollen. Aber ich will ganz einfach nicht den Bürgerkrieg des Nahen Osten hier integrieren. Und den werden die Flüchtlinge eben auch hier mitbringen, es sei denn es herrscht dort Waffenstillstand und damit fällt die Voraussetzung für subsidiären Schutz. Wenn wir aber Kinder aufnehmen, sollten wir sie sofort von ihrem Umfeld trennen, das wäre für sie und für uns besser!

  • @Prof. Dr Spiegel
    "Wie gut, daß die Regierung sich um uns kümmert."

    Ja, ich bin auch sehr dankbar - und das trotz des Umstandes, dass wir diese Problemstellungen allesamt gar nicht hätten, um die siech unsere Regierung nun kümmern will... :)

    6.000 türkische Spitzel im Land, wahrtscheinlich Hunderte von anschlagsbereiten Schläfern, da bin ich doch froh, dass ich nun dem Hinweis dier weltbesten Regierung gefolgt bin, noch zwei zusätzliche Wasserkisten und 10 Thunfischdosen zur Abwehr der Bedrohung zu erwerben.

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