IS und die Bundeswehr
Soldat Sascha B. – der Dschihadist beim Bund

Unauffällig, aber ein erfolgreicher Soldat – so beschreiben ihn die Kameraden bei der Truppe. Dann verändert sich Sascha B. Aus dem Soldaten wird ein Dschihadist. Wird die Bundeswehr zum Ausbildungscamp für Terroristen?
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BerlinFast drei Jahre gilt Sascha B. als unauffälliger, aber erfolgreicher Soldat. Bei den Panzergrenadieren im lippischen Augustdorf schafft er es schnell vom Gefreiten zum Stabsunteroffizier. Er übernimmt Führungsverantwortung, zeigt Wehrdienstleistenden, wie man mit Waffen umgeht. Seine Kameraden beschreiben ihn als ruhig, aber sozial aktiv. Dass er schon vor Eintritt in die Bundeswehr zum Islam konvertierte, spielt für seine militärische Karriere keine Rolle.

Seine Wandlung beginnt nach einem Lehrgang im niedersächsischen Munster. Der damals 26-Jährige lässt sich einen 14 Zentimeter langen Bart wachsen, trägt in seiner Freizeit nur noch traditionelle arabische Kleidung. Mehrfach verlässt er unerlaubt seinen Arbeitsplatz.

Seine Vorgesetzten fangen an, sich zu wundern. Echte Probleme bekommt B. aber erst, als er einem Reservisten die Ausbildung an einer Feuerwaffe verweigert. Zur Begründung sagt er, die Waffe könne gegen muslimische Glaubensbrüder gerichtet werden. Panzergrenadiere aus Augustdorf waren kurz zuvor als schnelle Eingreiftruppe in den Kampfeinsatz gegen die radikalislamischen Taliban in Afghanistan geschickt worden.

Es folgen erste Befragungen durch den Kompaniechef. B. weigert sich, seinen Bart auf etwa zwei Zentimeter zu stutzen und beruft sich auf die Religionsfreiheit. Er droht mit einer Demonstration von Glaubensbrüdern vor der Kaserne.

Jetzt schaltet sich der Militärische Abschirmdienst (MAD) ein. Schutz der Bundeswehr vor Extremismus gehört zu den Kernaufgaben des bundeswehreigenen Geheimdienstes.

Zwei Mal wird der junge Soldat vernommen. Der MAD notiert anschließend, der Unteroffizier – als Dawa, also als missionarischen Ruf zum Islam.

Es stellt sich heraus, dass der 26-Jährige in salafistischen Moscheen unterwegs war und auch Flugblätter verteilt hat. Die MAD-Leute zitieren ihn mit den Worten: „Wenn ich zwischen zwei Übeln wählen kann, die Bundeswehr oder kein Auskommen zu haben, entscheide ich mich für das kleinere und bleibe bei der Bundeswehr.“

Für die Geheimdienstler ist der Fall klar. Sascha B. ist ein Extremist, der nicht auf dem Boden des Grundgesetzes steht und damit nicht in die Bundeswehr gehört. Sieben Monate nach den ersten Befragungen wird er entlassen. Er selbst fühlt sich nach späteren Aussagen falsch beurteilt und stuft sich nicht als Extremist ein.

Das war 2010. Der Fall von Sascha B. war das erste Mal, dass öffentlich größer über einen Islamisten bei der Bundeswehr berichtet wurde. Den syrischen Bürgerkrieg gab es damals noch nicht. Die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) kannte auch kaum jemand. Und dass junge Muslime in Europa für den Dschihad, den Heiligen Krieg der Muslime, rekrutiert werden könnten, war noch kein Thema.

Das alles folgte erst in den Jahren danach - und Sascha B. blieb kein Einzelfall. Nach einer aktuellen Aufstellung des MAD, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, wurden in den vergangenen zehn Jahren 22 Soldaten der Bundeswehr als Islamisten eingestuft. 17 davon wurden anschließend entlassen, bei den anderen 5 Fällen lief die Dienstzeit ohnehin aus.

Kommentare zu " IS und die Bundeswehr: Soldat Sascha B. – der Dschihadist beim Bund"

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  • @Herr Old Harold

    - Dennoch war es ein epochaler Fehler die Wehrpflicht auszusetzen, wie das Beispiel der Kölner Abiturienten zeigt, die sich zu Schlachten verabreden, wo dann Feuerwerkskörper als Waffen eingesetzt werden. -

    Sind Sie sicher, dass bei einer Wehrpflicht diese Abiturienten keine Kracher gezündet hätten?

    Wir haben das schon im Alter von 12 gemacht und hatten nicht erst gewartet bis wir Abitur, Studium etc. abgeschlossen hatten.

    Deshalb hat man uns später selektiert und für diese Sparte gut ausgebildet. Wir konnten aber sicher sein, dass keiner dieser Truppe uns aus religiösen Gründen meuchelt.


  • Es ist nicht auszuschließen, dass junge Männer, die an der Waffe ausgebildet wurden, später zu Mördern, oder auch Dschihadisten werden.

    Dennoch war es ein epochaler Fehler die Wehrpflicht auszusetzen, wie das Beispiel der Kölner Abiturienten zeigt, die sich zu Schlachten verabreden, wo dann Feuerwerkskörper als Waffen eingesetzt werden.

    Unsere Generation "Nimm!" braucht wieder eine klare Ansage, will sie nicht völlig degenerieren:

    18 Monate Wehrpflicht für alle, Jungen, wie Mädchen. Wer sich drückt, 18 Monate Sozialdienst in Alten-, Pflege-, Kranken-, Kinderheimen. Wer sich auch davor drückt, kein Studienplatz, keine Sozialhilfe, keine Altersrente.

  • ..illegale Einwanderer über die Grenze nach Deutschland zu lotsen... (Caruso)

    Hier wird schon der erste Kontakt mit der Bundeswehr hergestellt. Ob sie eine Organisation ist, glaube ich nicht, da die Organisation für das Schlepperwesen Andere ausüben.
    Aber die BW wird als Schlepperkommando eingesetzt, vielleicht auch mißbraucht.

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