Islam in Frankreich
Allah mag alle Frauen

Freiraum auch für muslimische Frauen: Ob mit Schleier und Kopftuch oder Bauchnabelpiercing – im größten islamischen Gymnasium Frankreichs kennt Religion keine Ausgrenzung. Die Oberschule ist ein gelebtes Beispiel für Integration und zeigt sich dabei liberaler als die französische Regierung. Ein Ortsbesuch von Ruth Berschens .

LYON. Das schwarze Kopftuch umrahmt das runde Gesicht wie einen bleichen Mond. Keine einzige Haarsträhne lugt hervor, kein Farbtupfer ist auf Lidern und Lippen zu sehen. Die silberne Brille ist der einzige Schmuck der Schulsekretärin, die an diesem Vormittag alle Hände voll zu tun hat. Vor ihr stapeln sich lindgrüne Personalakten von 176 Jungen und Mädchen, für die das neue Schuljahr gerade begonnen hat. Dauernd klingelt das Telefon. Und dann wartet da auch noch Madame Nasri, die ihre jüngste Tochter zum Unterricht anmelden will.

Seidentop, hautenge Hose, Pfennigabsätze, die verspiegelte Sonnenbrille ins hell gesträhnte Haar geschoben: Fatima Nasri weiß um ihre Wirkung. „Ich bin 44 Jahre alt, ich habe vier Kinder, und ich bin eine junge Mutter“, sagt sie und strahlt.

Allah ist groß und hat Platz für alle Frauen – jedenfalls im Gymnasium Al Kindi im Vorort Décines am Rande von Lyon. Hier dürfen Mütter, Lehrerinnen und Schülerinnen selbst entscheiden, ob sie den Schleier tragen oder nicht.

„Bei uns ist alles erlaubt, ob Schleier, Haube oder gepiercter Bauchnabel. Wir sind hier, um zu arbeiten und erfolgreich zu sein, nicht um uns mit religiösen Praktiken zu beschäftigen“, sagt Akim Shergui, einer der Gründer der Schule. Damit zeigt sich der Muslim liberaler als die französische Regierung. Die hat das Kopftuch 2004 per Gesetz aus den staatlichen Schulen verbannt. Französischlehrerin Samia Slama gehört zu den Betroffenen.

Die junge Frau trägt einen rotschwarz gestreiften Kaftan und hat ihr Haar mit einem weißen Tuch bedeckt. „Ich musste die staatliche Schule verlassen, weil ich den Schleier nicht ablegen wollte“, sagt sie. Erst nach sieben Jahren Arbeitslosigkeit hat Madame Slama wieder einen Job gefunden.

Ihr neuer Arbeitgeber erregt in Frankreich, wo rund sechs Millionen Muslime leben, großes Aufsehen. Das muslimische Gymnasium, an dem man ein staatlich anerkanntes Abitur ablegen kann, ist ein bestauntes Novum. Es gibt Tausende katholische und Dutzende jüdische, doch erst zwei muslimische Oberschulen im ganzen Land. Die eine entstand 2003 in Lille im ersten Stockwerk einer Moschee. Die zweite, größere Schule – das Al-Kindi-Gymnasium – hat jetzt den vollen Betrieb aufgenommen in einem jener gesichtslosen Vororte, die am Rande aller französischen Großstädte zu finden und kaum voneinander zu unterscheiden sind.

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