Islamexperte
Al-Kaida wird unattraktiv

Deutsche Verfassungsschützer beobachten, dass die Strahlkraft Al-Kaidas kleiner geworden ist. Ein Grund zum Aufatmen ist das aber nicht: Denn an ihre Stelle ist die Terrormiliz IS getreten, die ständig Anhänger gewinnt.
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StuttgartDie Terrororganisation Al-Kaida kann nach Ansicht deutscher Verfassungsschützer Anhänger aus dem Westen nicht mehr so leicht für sich einnehmen wie früher. „Ihre Stelle hat nun die Terrormiliz IS eingenommen“, sagte der Islamismusfachmann des Landesamtes für Verfassungsschutz in Baden-Württemberg, Herbert Landolin Müller, der Nachrichtenagentur dpa in Stuttgart.

„Al Kaida kann nicht mehr so viele Leute binden, in ihrem Namen Anschläge zu verüben“, sagte Müller. Vielmehr zeige die Enthauptung des französischen Bergsteigers Hervé Gourdel durch IS-Verbündete in Algerien, dass der Islamische Staat eine hohe Anziehungskraft ausübe.

Müller geht davon aus, dass sich der IS-Idee eines eigenen „Islamischen Kalifats“ noch viel mehr Sympathisanten anschließen werden. „Ich rechne mit einer Zunahme von Unterstützern. Und es gibt noch eine Grauzone, die für uns bislang verborgen bleibt. Wir können aber nicht an jedem Grenzposten stehen.“

Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen sprach jüngst von weit über 450 radikalisierten Dschihadisten, die aus Deutschland in Richtung Syrien und Irak ausgereist sind.

Es sei für die deutschen Sicherheitsbehörden enorm schwer zu erkennen, wer sich dem Kampf in Syrien anschließen könnte, sagte Müller. „Es gibt kein einheitliches Muster, das auf einen Unterstützer definitiv hinweisen würde.“ Deutlich werde dies, wenn man sich deren Vita anschaue. Darunter seien junge Männer und junge Frauen. Die einen besuchten ein Gymnasium, andere seien Schulabbrecher.

Eines habe die „Klientel“ jedoch gemeinsam: Die Sehnsucht und Suche unter anderem nach Lebenssinn, unreflektiertem Heldentum und Anerkennung durch die Gemeinschaft. Insofern hätten die IS-Milizen mit dem Ausrufen eines „Islamischen Kalifats“ in Syrien und dem Irak ins Schwarze getroffen. Syrien sei für Islamisten ein mythisches Land und damit ein Riesenmagnet. “Die Leute sitzen aber einer Propaganda und einer Scheinwelt auf, die nur religiös verbrämt ist.

Die IS-Szene sei gut vernetzt und bediene sich modernster Kommunikationsmittel, sagte Müller. „Die Vorstellung, dass sie das Mittelalter verkörpern, geht völlig fehl, selbst wenn sie sich selbst auf angebliche Vorstellungen aus dem 7. Jahrhundert beziehen.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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