_

Islamische Republik: Iran: Die Revolution frisst ihre Kinder

Vor 30 Jahren kehrte Ajatollah Chomeini aus dem Exil zurück und schuf einen islamischen Staat. Präsident Ahmadinedschad will dessen Erbe retten und strebt eine zweite Amtszeit an. Doch vor allem die Jugend tummelt sich lieber im Netz statt in Moscheen.

Der Iran zwischen Aufbruch und Tradiiton: Eine junge Frau vor einem großen Wandgemälde, auf dem Ajatollah Ruhollah Chomeini abgebildet ist. Foto: dpa Quelle: dpa
Der Iran zwischen Aufbruch und Tradiiton: Eine junge Frau vor einem großen Wandgemälde, auf dem Ajatollah Ruhollah Chomeini abgebildet ist. Foto: dpa Quelle: dpa

BERLIN. Fluchtpunkt Internet: Wer derzeit in Iran per PC eine Freundin sucht, verfängt sich immer häufiger im Netz der Moralpolizei. Denn Kennenlern-Seiten im iranischen Web gelten in Teheran mittlerweile als "Förderung der Prostitution". Die Religionswächter schalteten deshalb gerade die bedeutendste derartige Internetseite Hamsarchat.com ab, die für 25 000 Rial (rund 1,50 Euro) Partnervorschläge machte. Ein herber Rückschlag für Irans Jugend: Denn mehr noch als in anderen Ländern der Welt, hängen junge Menschen in Iran im Netz. Es gibt eine aktive Blogger- und Chat-Szene, die im Internet die drakonische Pressezensur aushebelt. Aber der Geistlichkeit, den Mullahs, ist dies ein Dorn im Auge. Und so wandern derzeit reihenweise Blogger in die übervollen Gefängnisse. Die Revolution frisst ihre Kinder.

Anzeige

Iran 30 Jahre nach der islamischen Revolution: Vor allem die Jugend ist im Netz statt in den Moscheen. Dort, wo in Teheran im September 1978 Millionen Perser den Soldaten Blumen in die Gewehrläufe steckten und so die Armee im Kampf gegen das Schah-Regime auf ihre Seite zogen, dort auf dem heutigen Märtyrerplatz befindet sich mittlerweile ein Internet-Café. Drinnen, im Keller des grauen Hauses, diskutieren junge Menschen im World Wide Web auch über die Geschichte des Landes: Vor 30 Jahren, am 1. Februar 1979, kehrte Ajatollah Ruhollah Chomeini aus dem Pariser Exil nach Teheran zurück. Und dessen Erbe ist vielen Jugendlichen mittlerweile verhasst. 30 Jahre nach der Revolution steht Iran am Scheideweg.

Noch trauen sich die Jugendlichen nicht aus der Deckung. Öffentlicher Protest oder Kritik am heutigen Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei ist verboten. Und so chatten sie unter Pseudonym. "Chomeinis Gottesstaat ist für uns zum Gefängnis geworden. Wenn ich könnte, ich würde ins Ausland gehen", sagt eine junge Architektin, die nach Kanada auswandern will. Aber die Opposition im Internet zeigt Wirkung. Das Regime - allen voran der ultrakonservative Staatspräsident und Chomeinis politischer Nachlassverwalter Mahmud Ahmadinedschad - gerät ins Wanken.

"Sie haben eine Riesenangst, dass der neue US-Präsident Barack Obama seine Ankündigung wahr macht und tatsächlich direkte Beziehungen zu Iran aufnimmt", sagt ein langjähriger ausländischer Beobachter in Teheran und fügt zur Begründung an: "Dann wird mit langen Schlangen vor dem US-Konsulat jeden Tag die Unzufriedenheit der Iraner demonstriert - mit Visumsanträgen für das Land des bisher als ,Großer Satan' verteufelten Erzfeindes."

  • Video

Politik Bundestag stärkt Organspende

Krankenversichterte ab 16 Jahren werden in Zukunft häufiger gefragt, ob sie Organspender werden wollen. Dieses Gesetz hat der Bundestag mit großer Mehrheit verabschiedet - und noch einige weitere Entscheidungen gefällt.

  • Die aktuellen Top-Themen
Kontrolle weiter abgelehnt: Iran plant Bau eines neuen Atomkraftwerks

Iran plant Bau eines neuen Atomkraftwerks

Der Iran bleibt beim Atomprogramm stur: Kontrolleuren wird nach wie vor der Zugang zu den Anlagen verweigert - gleichzeitig kündigte die Regierung nun den Bau eines neuen Kernkraftwerks an. Streit ist vorprogrammiert.

Umfragewerte: Union sinkt in der Wählergunst auf 32 Prozent

Union sinkt in der Wählergunst auf 32 Prozent

Ganze drei Prozent verliert die Union in einer aktuellen Umfrage. Mit nur 32 Prozent Zustimmung muss Merkels Partei sogar aufpassen, nicht von der SPD eingeholt zu werden. Doch aus der Partei kommen optimistische Töne.

Wird Strom teurer?: Koalition sorgt sich um Kosten der Energiewende

Koalition sorgt sich um Kosten der Energiewende

Der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier will mehr Tempo bei der Energiewende. Es ist eine Herkulesaufgabe. Nun drohen auch noch die Kosten auszuufern. Ein Zurück zur Atomkraft soll es aber nicht geben.

Global Reporting Krieg gegen Krankenhäuser

An einem Sonntagmorgen im Sommer 2011 wollte der 21-jährige Syrer Khaled al-Hamedh Medikamente für seinen kleinen Bruder besorgen. Khaled machte sich auf den Weg zu einem Krankenhaus in seiner Heimatstadt Hama. Die Apotheken in Hama waren... Von Jan Dirk Herbermann. Mehr…

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Konjunkturtermine
Konjunkturtermine: Wochenvorschau

Wochenvorschau

Die wichtigsten Ereignisse und Indikatoren in Europa und International