Islamischer Staat und Al-Qaida: Blutige Rivalität

Islamischer Staat und Al-Qaida
Blutige Rivalität

A l-Qaida hat ein Imageproblem: Der Terrororganisation laufen die Mitglieder weg. Ein Deutscher empfand die Praxis des Jihad nicht so, wie es in den Büchern steht – also wechselte er zur Miliz „Islamischer Staat“.
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Er nennt sich Abu Mujahid und trägt eine schwarze Häkelkappe. Das Sturmgewehr hält er locker in beiden Händen, während er in die Videokamera redet. „Ich habe in Deutschland gelebt und bin in Deutschland geboren“, deklamiert der junge Mann mit dunklem Bart. „Eines Tages hat mich der Wind der Rechtleitung getroffen. Dann bin ich – wie jeder andere auch – zu dem Entschluss gekommen, dass man in Deutschland definitiv nicht leben kann und dass Allah von einem verlangt, den Boden der Ungläubigen zu verlassen.“

Abu Mujahid ging nach Syrien und schloss sich zunächst der Al-Nusra-Front an. „Ich habe mir gedacht, okay, al-Qaida – das ist schon der richtige Weg, da werde ich schon nicht falsch sein“, bekennt er leutselig seinem Youtube-Auftritt. Doch bereits nach einigen Monaten fühlte er enttäuscht über die neuen Mitkämpfer, weil sie den Jihad seiner Meinung nach nicht so richtig praktizieren, wie es der deutsche Auswanderer „aus den Büchern“ gelernt hat. Doch zum Glück „hat Allah mir Türen aufgemacht“. So sei er am Ende zum „Islamischen Staat“ gekommen. „Jetzt bin ich froh, ich habe den Treueeid auf den Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi abgelegt“, frohlockt er. „Jetzt bin ich ein stolzes Mitglied des Islamischen Staates.“

Wie Abu Mujahid soll auch Abu Qatadah alias Christian Emde aus Solingen sich dem IS angeschlossen haben. In einem Interview mit dem Publizist Jürgen Todenhöfer, das in den vergangenen Tagen für Schlagzeilen gesorgt hat, erklärt er, warum er nach Syrien gegangen ist. Das Gespräch wurde nach Angaben Todeshöfers im Dezember 2014 aufgenommen.

Während er direkt zum „Islamischen Staat“ reiste, haben seit Mitte des vergangenen Jahres tausende Kämpfer in Syrien und Irak die Seiten gewechselt, al-Qaida den Rücken gekehrt und dem IS Gefolgschaft geschworen – genauso wie Terrorbrigaden in Ägypten, Libyen und Algerien. Rund 50.000 Jihadisten kämpfen in ihren Reihen, darunter etwa 15.000 Ausländer, von denen rund ein Viertel aus Europa kommt. Seit der neue, selbst ernannte „Kalif Ibrahim“ alias Abu Bakr al-Baghdadi, weltweit als der gefürchtetste Organisator des Islam-Terrors gilt, war es eine Weile stiller geworden um die al-Qaida-Führung von Ayman al-Zawahiri in Afghanistan.

Zudem hatten die IS-Extremisten dem 63-jährigen Bin Laden-Nachfolger vor einem Jahr öffentlich den Gehorsam aufgekündigt. Anders als al-Qaida verfolgen sie ein jihadistisches Staatsprojekt und streben die Herrschaft über ein konkretes Territorium an. Acht Millionen Menschen leben im Nahen Osten inzwischen unter ihrem Scharia-Regime auf einer Fläche so groß wie England, auch wenn ihre zunächst atemberaubender Expansion dank der internationalen Luftschläge und der Kampfkraft der kurdischen Peschmerga vorerst gestoppt scheint.

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