Islamischer Staat und Anti-Terror-Krieg
„Der IS will, dass der Westen Muslime tötet“

Der französische Journalist Nicolas Hénin war Geisel des IS. In einem exklusiven Gastbeitrag erläutert er, warum Luftangriffe in Syrien falsch sind – und wie wir stattdessen den Kampf gegen den Terror gewinnen können.
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Nicolas Hénin ist Journalist und Spezialist für den mittleren Orient. Er war vom Juni 2013 bis Mai 2014 Geisel des islamischen Staates. Er ist Autor des Buches „Jihad Academy“, das im Frühjahr 2016 auf Deutsch erscheint.

Vor weniger als einem Monat wurde meine Stadt, Paris, vom Terrorismus getroffen. 130 meiner Mitbürger wurden auf eine Weise getötet, die mir aus dem Krieg bekannt ist. Seit über einem Jahrzehnt berichte ich über Konflikte und Kriege. Aber ich hätte niemals gedacht, dass sich so etwas vor meiner Haustür ereignen würde.

Nach den Anschlägen haben wir den Terroristen des „Islamischen Staats“ (IS) jenen Sieg geboten, den sie suchten. Faszinierend am Terrorismus ist, dass sein wirklicher Erfolg nicht vom Attentat abhängt, sondern von der Reaktion der Opfer.

Die US-Regierung hat ein eindrucksvolles Beispiel dafür geliefert mit ihrer Reaktion auf den 11. September: der Invasion in Afghanistan und im Irak – der bald danach die Wiege des IS wurde –, dem Aufbau von Guantanamo, illegalen Überführungen von Gefangenen und dem „Patriot Act“.

Man muss schon sehr beschränkt sein, um zu glauben, dass Osama bin Laden und al-Kaida bestraft wurden, indem man Afghanistan und den Irak besetzte. Das Gegenteil ist wahr: Der eigentliche Erfolg des 11. September war nicht der Einsturz der Twin Towers, sondern der Krieg in diesen beiden Ländern. Die Opfer der Terroristen haben diesen ihren Sieg verschafft.

Wir sollten uns an die geopolitische und moralische Niederlage der Regierung von George W. Bush erinnern in diesem Moment, da wir selber auf die jüngsten Attentate und die wachsende Bedrohung durch den Terrorismus reagieren müssen. Stellen wir uns zunächst einfach die Frage: Welche Reaktion erhofft sich unser Feind? Welche Reaktion von uns würde ihm gefallen?

Die Antwort: Die Anschläge vom 13. November hat Daesh (arabisch für IS) begangen, weil er gerne hätte, dass wir Muslime töten. Daesh will eine militärische Eskalation in Syrien provozieren. Und die Terroristen möchten Konflikte mit den Muslimen auslösen, die im Westen leben. Sie denken, dass ein Muslim nichts in einer westlichen Gesellschaft zu suchen hat, dass diese beiden Welten nicht koexistieren dürfen. Ihre ganze Propaganda, die auf einer Wiederherstellung des „Stolzes der Muslime“ aufbaut, ist ein billiger Betrug: Der IS will, dass der Westen Muslime tötet, damit er seinen Kampf begründen kann.

Daesh will terrorisieren, um uns Angst einzujagen und um unsere politische Agenda zu bestimmen. Damit wir vergessen, was gerecht und moralisch geboten ist. Damit wir nur noch dem IS unsere Aufmerksamkeit widmen. Damit wir, gelähmt durch unsere Furcht, gegen unsere eigenen Interessen und gegen jede Logik handeln.

Einer unserer Irrtümer ist, dass wir Daesh als das ursprüngliche Übel ansehen. Ich selber bin sein Opfer gewesen, und ich versuche bestimmt nicht, die Verbrechen zu beschönigen. Aber der IS ist nur das Symptom des eigentlichen Übels.

Stellen Sie sich vor, ihr Nachbar bittet Sie um Hilfe, weil seine Wohnung von Küchenschaben infiziert ist. Sie gehen zu ihm und sehen, dass seine Küche völlig verschmutzt ist. Entweder du machst sauber, und die Kakerlaken werden verschwinden, werden Sie ihm sagen. Oder du versuchst, die Schaben zu bekämpfen, zu vergiften. Aber solange die Küche dreckig ist, wird die Jagd erfolglos sein.

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Warum Flugverbotszonen den IS schwächen würden

Kommentare zu " Islamischer Staat und Anti-Terror-Krieg: „Der IS will, dass der Westen Muslime tötet“"

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  • Ach wie schwach, jetzt das blonde Mädchen im Bild. Soll wohl ein Flüchtling im eigenen Land sein . Merkel und ihr morsches System macht es möglich.

  • Frau Bollmohr, ich muss Ihnen da leider widersprechen. Ich sehe da zwar Ihren Punkt und für die Mehrheit der Syrer mag das auch heute noch gelten, aber da sind ein paar Tatsachen zu beachten, die doch auch ein anderes Bild zeichnen.

    Um eine Gesellschaft zum Kippen zu bringen, brauchen Sie ca. 20 %, die plötzlich in eine andere Richtung marschieren (das ist ein Größenordnung aus der Massenpsychologie), davon unabhängig noch ein paar Fakten zu Syrien:

    DIE syrische Bevölkerung gibt es nicht, Syrien ist ein multi-ethnisches Konstrukt und hinter den einzelnen Kriegsparteien, stehen unterschiedliche Stämme. Der Konflikt hat weniger mit Religion zu tun, eher ist er mit dem Nordirland-Konflikt vergleichbar.

    Ein Bügerkrieg mit 100.000den von Toten wird nicht von einigen wenigen geführt, da kämpfen weite Bevölkerungsggruppen.

    Fluchtursache in einem Krieg ist nicht eine edle Gesinnung, sondern pure Angst und die haben alle Beteiligten. Geschweige denn dieser Blödsinn, der bei uns kolportiert wurde (von interessierten Politikern): vor Paris flüchteten sie vor Assad, danach vor dem IS). Übrigens: alte Erfahrung aus dem 2. Weltkrieg: die dicksten Nazi-Bonzen nehmen als erste die Beine in die Hand!

    Der Bürgerkrieg dauert nun ca. 5 Jahre, das heisst z.B. ein heute 18-jähriger, kennt seit dem er 13 ist, nichts anderes als Krieg. Vergessen Sie einfach, dass es sich hier um edle friedliebene Menschen handelt. Die stellen den Durchschnitt einer ganz normalen Kriegsgesellschaft dar. Sie werden die Verahltensweisen, wie wir sie z.B. nach dem 1. Weltkrieg hatten (vgl. Freikorps etc.)

    Und übrigens: wenn die Leute sich hier erst einmal geschüttelt haben und von der Flucht erholt, dann fällt ihnen auf, dass der andere Syrer neben ihnen, eigentlich ja der Fluchtgrund war... (wir sind ja in den 90ern auch nicht auf die blöde Idee gekommen Serben und Kroaten zusammen unterzubringen, ok, die konnten wir wenigstens unterscheiden...)

  • Uhh, Dunkelfrankreich!

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