Islamisten
Die tödliche Taktik der Taliban

Die Taliban stehen unter Druck. Und doch können sie in Afghanistan große Gebiete erobern. Das liegt vor allem an der neuen Strategie: Sie stürmen einen Checkpoint, töten alle Polizisten, übernehmen ihre Waffen – und warten.

KabulDie radikal-islamischen Taliban setzen im Machtkampf im Süden Afghanistans auf eine neue Taktik. Anders als in der Vergangenheit greifen sie Dörfer oft nicht mehr an, sondern hungern sie aus. Dazu versuchen sie zunächst, Kontrolle über strategische Straßen zu bekommen: Sie stürmen einen Checkpoint, töten dort alle Polizisten, übernehmen ihre Waffen – und warten. Jedes Fahrzeug, das die besetzte Straße noch zu nutzen wagt, wird in die Luft gejagt. Abgelegene Siedlungen werden so von der Außenwelt abgeschnitten.

Sind die Nachschub-Routen blockiert, werden in den Dörfern die Vorräte knapp, wie Anwohner und lokale Politiker berichten. Für das Wenige, das trotz allem durchkommt, müssen die Bewohner horrende Preise zahlen. Die meisten haben bald keine andere Wahl, als zu Fuß oder auf Eseln über die Berge zu flüchten – und dabei einen Großteil ihres Besitzes zurückzulassen. Wenn die Taliban schließlich einmarschieren und ihre Flagge hissen, sind die Dörfer zwar menschenleer, aber die Geländegewinne beträchtlich.

Gleichzeitig ist für die Extremisten das eigene Risiko deutlich geringer als bei ihrem bisherigen Vorgehen. Mit Überraschungsangriffen direkt auf die Dörfer kamen sie meist zwar schneller voran als mit der neuen Aushungerungstaktik. Oft stießen sie aber auf bewaffneten Widerstand und erlitten zum Teil hohe Verluste. Nun lassen sie sich einfach Zeit. Langsam aber sicher verdrängen sie dabei die afghanischen Sicherheitskräfte - und damit den Einfluss der Regierung in Kabul. Die neue Strategie ist zwar brutal, aber effizient.

Mit dem Abzug der internationalen Kampftruppen im Jahr 2014 entstand in etlichen Regionen Afghanistans eine Art Sicherheitsvakuum. Die Taliban haben ihre Angriffe seitdem gezielt verstärkt, vor allem in den südlichen Provinzen Helmand, Kandahar und Urusgan. Mit verheerenden Folgen: Nach Angaben der Vereinten Nationen sind 2015 in Afghanistan 3.545 Zivilpersonen getötet und 7.457 verletzt worden, überwiegend durch Aktionen der Taliban.

„Im Moment konzentrieren sich die Taliban im Süden vor allem auf Urusgan“, sagt Charles Cleveland, ein Sprecher der US-Streitkräfte in Kabul. Im Umkreis der Provinzhauptstadt Tarin Kut würden die afghanischen Streitkräfte dadurch zunehmend unter Druck geraten. Die Lage dort sei „so schlimm wie seit 15 Jahren nicht mehr“, sagt der Vorsitzende des Provinzrates, Abdul Hakeem Chadimsai. Allein im Mai seien in Urusgan etwa 200 Sicherheitskräfte getötet und mehr als 300 verletzt worden. „Jeden Tag müssen unsere Truppen zurückweichen und mit jedem Tag vergrößert sich das von den Taliban kontrollierte Gebiet“, sagt Chadimsai.

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Die tödliche Taktik der Taliban

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Die Preise für Nahrungsmittel verdoppeln sich

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