Islamistischer Terror: Dschihad gegen die eigene Religion

Islamistischer Terror
Dschihad gegen die eigene Religion

Das Video von der Hinrichtung eines Polizisten durch die „Charlie Hebdo“-Attentäter geht um die Welt. Der Beamte soll ein Muslim gewesen sein. Die Aufnahme ist ein Symbol dafür, wie paradox der islamistische Terror ist.

DüsseldorfDas derzeit im Internet kursierende Video, in dem einer der Paris-Attentäter einen auf dem Boden liegenden Polizisten mit einem Kopfschuss kaltblütig niederstreckt, ist mehr als nur bestürzend. Die 42-Sekunden-Aufnahme markiere den „Iconic Turn“ des Islamismus in Europa, „so wie die Fernsehaufnahmen der brennenden Twin Tower in New York die globale Dimension des Terrorismus auf ewig in ein Motiv bannten“, schreibt David Hugendick von Zeit Online.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière forderte Youtube auf, das Videomaterial aus Paris zu löschen. Das ist erstens kaum machbar, da die Aufnahme auch längst auf anderen Videoportalen zu finden ist und zweitens zu spät, da sich das Video ohnehin schon ins kollektive Gedächtnis vieler Europäer eingebrannt hat. Es schockiert nichtmuslimische wie muslimische Bürger gleichermaßen.

Denn die Aufnahme symbolisiert neben dem Schrecken die ganze Absurdität und das Paradoxon des islamistischen Terrors: Da wird Ahmed M., ein mutmaßlich muslimischer Polizeibeamter, von Attentätern hingerichtet, die kurz vor der Stürmung der „Charlie Hebdo“-Redaktion die Takbīr-Formel („Allahu akbar“) gerufen haben sollen, die jedes der fünf täglichen Pflichtgebete im Islam einläutet.

Terroristen, die sich auf den Islam berufen, nehmen bei ihren Anschlägen zunehmend muslimische Opfer in Kauf oder diffamieren sie als Ungläubige oder Apostaten, um ihre Taten ideologisch zu legitimieren – siehe Taliban, Al-Qaida, Boko Haram und Islamischer Staat (IS).

Auf das Konto dieser vier Terror-Organisationen gehen laut Global Terrorism Index zwei Drittel aller Terror-Opfer, die es 2013 weltweit zu beklagen gab (rund 12.000) – die meisten davon in muslimischen Ländern. Dies geht aus den Daten von mehr als 162 Ländern hervor, die die Forscher der australischen Denkfabrik Institute for Economics & Peace (IEP) ausgewertet haben.

Nach dem Anschlag von Paris melden sich nun auch Gelehrte aus den Reihen konservativer islamischer Strömungen deutlich zu Wort: „Heutzutage reicht es, Fatwas zu googeln und beliebige Vorfälle aus dem Leben des Propheten Mohammed zu zitieren, um ein Rechtsgelehrter zu werden“, spottete der US-amerikanische Islamgelehrte und Ex-Salafist Yasir Qadhi nach dem Anschlag in Paris auf seiner Facebook-Seite.

„Wir haben das Tor zum „Takfir“ (die Exkommunikation anderer Muslime) geöffnet: Mit etwas, das sogar die größten islamischen Rechtsgelehrten gegen ihre schlimmsten ketzerischen Widersacher nur in seltenen Fällen angewandt haben, wird heute wie mit Süßigkeiten geworfen – gegen jeden, der dem eigenen Standpunkt widerspricht.“ Dabei seien viele Kernattribute der islamischen Lehre verlorengegangen: „Gnade, Wissen, Geduld, gute Manieren und Nachsicht“, kritisiert Qadhi, der 2011 vom New York Times Magazine als einer der einflussreichsten konservativen islamischen Kleriker in den USA bezeichnet wurde.

Anis Micijevic ist freier Journalist und schreibt für Handelsblatt Online. Quelle: Armin Dahl / Handelsblatt Online
Anis Micijevic
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