Isolation der Macht
Einsamkeit ist hinter dem Zaun

Draußen spielt die Rockmusik auf dem Happening. Die Globalisierungskritiker feiern ihren Sieg: Den Kampf in den Medien haben sie klar gewonnen. Die drinnen, hinterm Zaun, die Politiker und ihre Berater, haben davon nichts gemerkt. Auf dem G8-Gipfel sind sie weit weg vom Volk.

HEILIGENDAMM. Es ist wie eines dieser Biedermeier-Bilder, Spitzweg was here. Mit bunten Fahnen marschieren junge Menschen über die grünende Flur, quer durchs halbhohe Haferfeld trabt eine Gruppe Reiter. Die Stimmung trügt nicht. Es sind Polizisten, die freundlich mit den Demonstranten reden und sie weiter vorrücken lassen. Eine junge, hübsche Frau richtet sich noch schnell die langen Haare im Außenspiegel des Polizeitransporters, ehe sie sich den schwarzen Helm überzieht, das Plexi-Visier herunterklappt und sich in einen schwarzen Macho verwandelt, der gut ist für diese schauerlichen Bilder: als ob Deutschland besetzt sei von den Repräsentanten des Bösen, die sich in ihrem Brückenkopf an der Ostsee einigeln hinter einem Zaun und die da die Kreuzung drei Kilometer vor Heiligendamm blockieren. Und als dann bei Hinter Bollhagen die Wasserwerfer ganz sanft wie ein Duschschlauch zum Einsatz kommen, da frohlockt der Attac-Gründer im Fernsehen: „Sehr, sehr zufrieden“ sei er mit den Bildern, „die um die Welt gehen“: Die Deutschen im Besonderen und die Regierenden der acht größten Industrienationen sind endgültig gebrandmarkt und entlarvt.

Draußen spielt die Rockmusik auf dem Happening der vereinten Gutmenschen, deren kommandierende Protest-Profis sich in Pressemitteilungen als Haudegen der Weltrettung feiern lassen und ihre Schlachtfelder aufzählen: Castor, Brockdorf, Startbahn-West. Und in Rostocks Marien- und Petrikirche läuten die Glocken, predigen die Pastoren „gegen G8“, gerade als sei der Antichrist höchstpersönlich im Jumbojet gelandet.

Die drinnen, hinterm Zaun, die Politiker und ihre Berater, haben zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gemerkt, dass sie die Schlacht in den Medien schon verloren haben. Als Erfolg wird draußen gefeiert, dass „Molli“ von Demonstranten blockiert ist, die qualmende Museumsbahn, die Journalisten vom Pressezentrum an den Tagungsort transportieren soll. Die Voraussetzungen sind ja auch unfair: „G8 act now“ – eine Zeile reicht als Kernbotschaft der Demonstranten, während drinnen an Hunderten von Seiten gefeilt und über Dutzende von Unterpunkten verhandelt wird.

Der gepflegte Golfrasen und die weiße Schlossfassade werden verdrängt vom Katz-und-Maus-Spiel pseudoalternativer Radfahrer für den Weltfrieden gegen Wasserwerfer. Die Menschen lieben immer David. Und wenn fernsehwirksam in Sichtweite vor dem Pressezentrum ein Greenpeace-Schlauchboot von einem grauen, stählernen Polizeiboot gestoppt wird, steht da schon ein Pressesprecher mitten im Presse-Camp des Bösen und protestiert gegen allerlei vermeintlichen Polizeiterror. Die scheinbar Mächtigen hinter ihrem Zaun dagegen schweigen lang oder sondern allenfalls gestanztes, hölzernes Diplomatensprech ab: „Keine Zeit“, simsen die beschäftigten Helfer der Kanzlerin bei Journalistenanfragen zurück, „wir verhandeln doch.“ Drinnen geht es um nichts anderes als draußen – um Aids, Afrika und Klima. Aber drinnen wird um Formulierungen gefeilscht und werden Interessen verteidigt, während draußen der unpolitische Geist des infantilisierten Medienprotests agiert: Der gute Wille, nur einmal ausgesprochen, löst alle Sorgen der Welt, wo eine Wille ist, ist auch schon der Weg zum Heil planiert, und schon am Tag danach könnte das Weltklima um zwei Grad sinken, oder waren es sogar drei?

Dass der Preis eines vertraulichen Gesprächs der Großen der Welt die totale Abschottung vom Rest der Welt ist, das wusste Merkel schon vor Heiligendamm. Schließlich hatte sie bereits 2006 in St. Petersburg ihren ersten G8-Gipfel mitgemacht. Und sie weiß, dass die Welt der mächtigen Präsidenten ohnehin ganz anders aussieht als die ihre. Total-Abschottung ist für US-Präsident George W. Bush völlig normal. Der Sohn eines Präsidenten hat nie Normalität kennen gelernt, und selbst der allmächtige Wladimir Putin ist abgeschirmt von seinem Volk, sobald er den Kreml verlässt.

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