Israel
Die Messerstecher-Intifada

Immer jünger sind die Palästinenser, die an Attacken auf Israelis beteiligt sind. Vom eigenen Volk werden sie als Opfer der politischen Situation gesehen. Nun könnten auch schon Zwölfjährige ins Gefängnis wandern.

JerusalemZwei palästinensische Mädchen greifen auf der zentralen Jaffa-Straße mitten in Jerusalem einen älteren Mann mit Scheren an. Innerhalb von Sekunden kommen israelische Sicherheitskräfte angelaufen und feuern sofort Schüsse auf die 14 und 16 Jahre alten Jugendlichen ab. Eines der Mädchen stirbt am Montag, das andere wird schwer verletzt. Absurderweise ist ihr etwa 70-jähriges Opfer auch ein Palästinenser aus dem Westjordanland. Ein Tag zuvor war eine 16-jährige Palästinenserin mit einem Messer auf Passanten losgegangen. Auch sie wurde erschossen.

Seit Anfang Oktober kommt es in Israel und den Palästinensergebieten fast täglich zu solchen Vorfällen, bei denen die Angreifer meistens erschossen werden. Eine tragische Situation, in der es nur Verlierer gibt. 18 Israelis sind seit Anfang Oktober bei Anschlägen getötet worden. Fast 100 Palästinenser starben, die meisten wurden bei ihren eigenen Attacken erschossen.

Und ein Großteil der bisher mehr als 70 Messerattacken wurde von jungen Erwachsenen, Jugendlichen und sogar Kindern verübt. Sie gehören zu der Generation der enttäuschten Hoffnungen, die nach der Unterzeichnung der Friedensverträge mit Israel im Jahre 1993 unter ständiger Besatzung aufgewachsen ist.

Der israelische Süßwarenhändler Schimi Misrachi wird nie den Moment vergessen, als ihm ein 13-jähriger Palästinenser mit gezücktem Messer gegenüberstand. „Sein Blick war mörderisch“, erzählt der 25-Jährige, der selbst nur einen kurzen Stock in der Hand hielt. „Es war mir in dem Moment egal, wie alt er ist. Es war er oder ich.“

Der 13-jährige Ahmed Manasra hat im vergangenen Monat vor dem Süßigkeiten-Laden in Jerusalem gemeinsam mit seinem zwei Jahre älteren Cousin auf einen israelischen Jungen eingestochen - ebenfalls 13 Jahre alt. Ihre Messer hätten „etwa 30 Zentimeter lange Klingen“ gehabt, erzählt Misrachi. Als er aus dem Geschäft rannte, ließen sie von dem schwer verletzten Kind ab. Beide liefen weg. Der ältere Angreifer wurde von einem Polizisten erschossen, Manasra von einem Auto erfasst und verletzt.

Für viele Palästinenser ist der 13-jährige Ahmed Manasra inzwischen zur wichtigsten Symbolfigur der jüngsten „Messerstecher-Intifada“ geworden. An vielen Orten in den Palästinensergebieten sind Bilder zu sehen, die den Jungen als Helden darstellen.

In Jerusalem muss er sich jetzt allerdings wegen versuchten Mordes vor Gericht verantworten. Er war der jüngste Attentäter der neuen Gewaltwelle, bis sich in diesem Monat sogar ein Elfjähriger an einem Anschlag auf einen Wachmann in der Jerusalemer Stadtbahn beteiligte.

Bei der Messerattacke vor dem Süßwarenladen wurde das jüdische Kind, das auf einem Fahrrad unterwegs war, schwer verletzt. Der Junge habe eine tiefe Stichverletzung in der Achselhöhle erlitten und sehr stark geblutet, erinnert sich Asi Gabai, Besitzer des Spielzeuggeschäfts nebenan. „Er verlor in meinen Armen das Bewusstsein“, erzählt der 42-Jährige. Der 13-Jährige kam ohne Pulsschlag im Krankenhaus an, die Ärzte konnten ihn jedoch retten. Zuvor hatten die palästinensischen Jungen auch schon einen 20-jährigen Israeli schwer mit dem Messer verletzt.

Nachdem ein Autofahrer ihn gerammt hatte, lag Ahmed Manasra verletzt auf der Straße. Auf sozialen Netzwerken verbreitete sich danach rapide ein Video, auf dem der palästinensische Junge hilflos weinend in einer Blutlache zu sehen war. Er wird dabei umringt von wütenden israelischen Passanten. „Stirb schon, du Hurensohn“, ruft einer von ihnen.

Das Video löste neue Aufrufe zu einem „Tag des Zorns“ durch Palästinenserorganisationen aus, die ihn als Opfer und nicht als Attentäter sahen. Am Tag darauf kam es zu vier weiteren Messerattacken und einem Feuerüberfall auf Israelis.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas warf Israel vor, es habe den Jungen „kaltblütig hingerichtet“. Daraufhin veröffentlichte Israel Bilder des Kindes, das verletzt und unglücklich, aber ganz offensichtlich lebendig im Krankenhausbett lag. Netanjahu beschuldigt Abbas, er hetze sein Volk mit offensichtlichen Lügen ganz gezielt zum Mord an Israelis auf.

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