Israel
Existenzangst im Gelobten Land

Israel ist 60: Glückwunsch und Mazal Tov. Doch in die bunte Abfolge von Feuerwerk, Musik, Tanz, Konferenzen und Staatsbesuchen sei der Zwischenruf gestattet: Wird Israel das Jahr 2048 erleben? Mehr denn je ist der jüdische Staat auf die Koexistenz mit den Palästinensern angewiesen, denn das Fundament Israels ist schwächer, als es scheint.

HB. Mit dieser Frage habe ich in den vergangenen Wochen mehrere israelische Kollegen und Freunde konfrontiert. Zu meiner Überraschung antwortete keiner mit einem klaren, spontanen Ja. Selbst Freunde, die ich als patriotisch bezeichnen würde und die stolz darauf sind, dass ihre Söhne in einer Eliteeinheit der Armee dienen, haben Zweifel am mittelfristigen Bestand ihrer Heimat.

Die Frage, ob „der Staat Israel vielleicht nur eine Episode in der jüdischen Geschichte“ sei, reflektiert zum Beispiel der Schriftsteller A. B. Jehoshua. Die Zukunftsangst, die darin zum Ausdruck kommt, scheint auf den ersten Blick absurd. Die Wirtschaft floriert, sie belegt mit Branchen wie Diamanten, High Tech, Generika und Rüstungsgütern weltweit Spitzenpositionen. Militärisch ist das Land stark, es verfügt (vermutlich) über nukleare Waffen und damit über ein ultimatives Abschreckungspotenzial mit Zweitschlagskapazität.

Und doch: Das Fundament Israels ist schwächer, als es scheint. Nichts reflektiert das besser als das wohlgemeinte Wort von Bundeskanzlerin Angela Merkel vor der Knesset im März: „Die Sicherheit (Israels) ist für mich niemals verhandelbar.“ Womit sie indirekt zu verstehen gab, dass seine Sicherheit keineswegs gewährleistet ist. Der Terror, dem Israel immer wieder ausgesetzt ist, das Säbelrasseln aus Teheran, Beirut, Gaza und Damaskus vermitteln der Bevölkerung das dumpfe Gefühl, am Abgrund zu leben.

Nach außen lassen sich Israelis zwar nichts von ihrer Nervosität anmerken. Doch die Angst vor dem gewaltsamen Tod ist stets präsent. Bei der Geburt eines Jungen, erzählte mir vor einigen Jahren der Schriftsteller David Grossman, hoffe man seit Generationen, dass der Nahostkonflikt spätestens 18 Jahre später gelöst sein werde, damit der Junge nicht in den Krieg ziehen müsse. An diese Worte musste ich mich vor zwei Jahren plötzlich unter tragischen Umständen erinnern. Grossman verlor im zweiten Libanonkrieg seinen Sohn Uri, drei Tage nachdem er mit zwei Schriftstellerkollegen öffentlich vor den Gefahren und dem Unsinn des Krieges gewarnt hatte.

In diesen Tagen präsentiert Grossman seinen neuen Roman, der in einem Jahr auch auf Deutsch erscheinen wird. Er handelt von Ora, der besorgten Mutter eines Soldaten, die ahnt, dass ihr Sohn in der Schlacht ums Leben kommen wird. Als ob sie ihn damit retten könnte, verlässt sie das Haus und begibt sich auf eine Wanderschaft quer durch Israel: Sie will verhindern, dass ihr zu Hause die Todesnachricht überbracht werden kann.

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