Israel
Leben mitten im Terror

24 Stunden nach den tödlichen Angriffen im Kaffeehaus Brenner sucht unser Korrespondent in Tel Aviv nach den Spuren aus der Terrornacht – und trifft Menschen, die alle auf ihre Art vom Anschlag gezeichnet sind.

Tel AvivErschüttert kniet Aliza auf dem Boden, vor den Blumen und Gedenkkerzen und dem Plakat, auf das jemand in roten und schwarzen Buchstaben von Hand hingeschrieben hat: „Unser Herz ist mit den Opfern.“ Die junge Frau, eine Sanitäterin, hatte am Mittwochabend Dienst im Ichilov Krankenhaus, als die Verletzten dort eingeliefert wurden.

Die Klinik ist nicht weit entfernt vom Tatort, dem Sarona-Markt, wo zwei Palästinenser im Brenner-Kaffee plötzlich wild um sich schossen und dabei vier Menschen getötet und über ein Dutzend Personen verletzt hatten, zum Teil schwer. David, ein erfahrener Berufskollege, steht jetzt, 20 Stunden später, neben Aliza an der spontan entstandenen Gedenkstätte und versucht, die schluchzende Frau von den quälenden Bildern zu befreien, die sie seit der Terror-Nacht nicht mehr loslassen.

Wenn sie sich an die Szenen des Horrors nicht bald gewöhnen werde, habe sie im Rettungsdienst nichts zu suchen, sagt David voller Teilnahme. Doch auch ihm macht – trotz seiner zahlreichen Einsätze – der Anblick blutiger Chaosszenen immer noch zu schaffen. „Aber sie machen mich nicht mehr trübsinnig. Damit müssen wir eben leben“, meint er.

Szenenwechsel: Im Kaffeehaus Brenner bestelle ich dasselbe Schokoladengericht, das die beiden Terroristen laut Medienberichten auf dem Tisch hatten, bevor sie zur Tat schritten. Plötzlich füllt sich das Lokal mit Uniformierten: Sie sollen für die Sicherheit des Regierungschefs sorgen, der sich bald an die Bar setzen und mit dem Filialleiter ein paar Worte wechseln wird. Vor laufenden Kameras natürlich.

Später verbreitet Benjamin Netanjahus Büro die Botschaft, die nach jedem Anschlag routinemäßig gepredigt wird. „Unser Volk ist stark“, sagt er fast beschwörend, „wir werden nicht nachgeben“. Er sehe, dass das Leben am Sarona-Markt wieder zum normalen Rhythmus zurückfinde – „und das ist gut so“. Von Routine ist freilich noch nichts zu spüren. Sobald Netanjahu, umringt von seinen Leibwächtern, das Lokal verlassen hat, leert es sich wieder.

Auch die Lokale der Vergnügungsmeile Sarona, die am Donnerstagabend in der Regel von Tausenden besucht wird, wo es einen Biergarten, Bars und Pubs, eine Pizzeria, einen Burger-Imbiss und alle möglichen Delikatessen gibt, zudem Modegeschäfte mit trendigen Labels und Computer-Stores – sie wirken 20 Stunden nach dem Attentat wie ausgestorben. „Die Stimmung ist im Eimer“, sagt mir ein junger Kellner in einer Sushi-Bar und zeigt auf die gähnende Leere im Lokal. Ich bin der einzige Gast.

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