Israel
Sushi statt Politik

In Israel macht sich Politikmüdigkeit breit. Trotz täglicher Gewalt und einem permanenten Ausnahmezustand ist der Friedensprozss zwischen Israelis und Palästinensern vor allem in der jungen Generation zur leeren Worthülse verkommen. Wie erfolgreiche Israelis mit Hedonismus ihre Probleme verdrängen und den Extremisten das Feld überlassen. Ein Essay.

HB. Wer in den achtziger Jahren in Israel kulinarische Höhenflüge suchte, wurde arg enttäuscht. Er musste sich mit Falafelbuden oder Putenfleisch in einem Schnellimbiss bescheiden. Was die Israelis „Wein“ nannten, war rotes Zuckerwasser, was sie als „Kaffee“ tranken, eine dunkle Brühe, die sie selbst als „Bots“, zu Deutsch „Pfütze“, bezeichneten. Der Nation waren Ideologie und Politik wichtiger als Gourmet-Genüsse.

Das moderne Israel, geboren 1948 als Folge eines Kompromisses, der das historische Palästina zwischen Juden und Arabern aufteilte, machte harte Zeiten durch. Es galt, Einwanderer zu integrieren, neue Städte und Infrastrukturanlagen zu bauen. Dazu kamen enorm hohe Militärausgaben. Allein in den ersten vier Jahrzehnten seiner Existenz kämpfte (und siegte) die israelische Armee vier Mal.

Auch 60 Jahre nach der Staatsgründung ist die Dauer-Alarmbereitschaft eine Klammer, die das heterogene Land zusammenhält. Aber Tel Aviv, der Stadt, die laut Eigenwerbung niemals Pause macht, ist der permanente Ausnahmezustand kaum anzumerken. Dass Besucher von Shoppingzentren auf Bomben untersucht werden, dass vor den Gaststätten bewaffnete Uniformierte den Eingang absichern: Die Israelis nehmen es wie selbstverständlich hin.

In Tel Aviv ist vor allem das moderne Israel zu spüren. High-Tech-Produkte haben längst Orangen als Exportschlager abgelöst, das ehemalige Agrarland verhandelt mit der OECD um die Aufnahme in den Klub der reichen Industrienationen. Das Sozialprodukt hat in den vergangenen Monaten kräftig zugelegt. Touristen sorgen für eine hohe Belegung der Hotelzimmer, wobei die Israelis selbst auch gerne in Europa oder Amerika Urlaub machen. Die Skyline der Mittelmeerstadt ist von Hochhäusern mit Büros und Lofts für die Superreichen geprägt. Der Strand ist Refugium für Yogafans, Zentrum für fröhliche Familienpartys oder sandige Laufbahn für eiserne Jogger.

Eine scheinbar heile Welt, die wie eine Luftblase platzen könnte: Nur wenige Kilometer von den Tel Aviver Vergnügungszentren entfernt marschiert die israelische Armee in palästinensischen Städten ein, um mutmaßliche Terroristen festzunehmen oder gezielt zu töten. Um sich vor Gewalt zu schützen, zwingt Israel den Palästinensern ein Leben ohne Bewegungsfreiheit auf und riegelt sie vom israelischen Kernland durch einen Sicherheitswall und Straßensperren ab. Der Friedensprozess, in den neunziger Jahren schwungvoll begonnen, ist längst zur leeren Worthülse verkommen.

Auf der von der nahöstlichen Aktualität abgeschirmten Insel Tel Aviv ist das freilich kein Thema. Hedonismus im Ausnahmezustand – das empfinden viele keineswegs als Widerspruch. Wobei der ökonomische Boom den Epikureern Israels nicht nur Normalität vorgaukelt. Er signalisiert ihnen letztlich auch die Irrelevanz der Politik. Denn hatte es in den neunziger Jahren nicht geheißen, Frieden mit den palästinensischen Nachbarn sei eine unabdingbare Voraussetzung für Wirtschaftswachstum?

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