Israel
Zu Hause auf der Flucht

Zerstörte Wohnungen, unbrauchbare Schutzkeller – Israels Bevölkerung fühlt sich vom Staat allein gelassen und auf den Krieg nicht vorbereitet. Rund 350  000 Israelis aus dem Norden sind auf der Flucht. In einzelnen Städten sind bis zu zwei Drittel der Bevölkerung weggezogen. Ein Handelsblatt-Report.

ASCHKELON. Der Schock steht Liliane Azulai noch immer ins Gesicht geschrieben. „Gleich neben meinem Haus schlug eine Katjuscha-Rakete ein. Meine Nachbarin war auf der Stelle tot“, erzählt die 40-jährige Frau. Sie hat den Angriff auf ihren Stadtteil in der Küstenstadt Naharia vor knapp vier Wochen zwar überlebt, aber an ein normales Leben ist seither nicht mehr zu denken.

Nach dem Einschlag der Rakete suchte sie zusammen mit ihren beiden Kindern bei ihrer Schwester Zuflucht, die zwei Straßen weiter wohnte. Doch kaum war sie dort, schlug die nächste Katjuscha ein. Liliane Azulai zittert vor Angst, wenn sie davon erzählt. „Ich fühlte mich nirgends mehr sicher“, sagt sie. Auch im Luftschutzbunker, wo sie zusammengepfercht mit vielen anderen Menschen hausen musste, sei es unerträglich gewesen. Wohin also?

Zumindest vom Staat hat Israels Bevölkerung bei diesem Problem zunächst keine Hilfe bekommen. Wichtige öffentliche Gebäude sind nicht verstärkt worden, Luftschutzkeller sind in einem miserablen Zustand. Zusammen mit jungen Müttern, die mit ihren Babys auf dem Boden lagen, hat sich Liliane Azulai im unterirdischen Schutzraum die Klagen älterer Leute angehört, die auf ihre Medizin verzichten mussten, weil die Apotheke unerreichbar war, und sie litt unter dem erbärmlichen Anblick von Kranken, die keine medizinische Pflege erhalten. An eine Atempause im Freien war nicht zu denken. Denn dort warnten immer wieder Sirenen vor einfallenden Katjuschas.

Flugtickets nach Europa für die ganze Familie kann Liliane Azulai nicht bezahlen. Und auch ein Hotelzimmer im Ferienort Eilat könne man sich nicht leisten, erzählt die Frau – zumal ihr Mann seinen Job in einem Restaurant verloren habe, nachdem dieses im Krieg zerstört worden sei. Sie fühlt sich vom Staat verschaukelt. Nicht, dass sie den Krieg gegen die Hisbollah ablehnen würde. Im Gegenteil: „Wir müssen es der Hisbollah endlich zeigen“, meint sie. Aber der Staat hat ihrer Meinung nach versagt: „Er hat doch die Aufgabe, sich um uns Zivilisten zu kümmern. Stattdessen lässt er uns allein.“ Die Folge: „Wir sind Flüchtlinge im eigenen Land“, bringt Liliane Azulai ihre Situation auf den Punkt.

Zuflucht hat sie schließlich mit ihrer Familie in einem Zeltlager im Süden Israels gefunden – eine Notunterkunft, die ein Unternehmer aufgestellt hat.

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