Israelische Luftangriffe
Libanons Aufschwung zerbombt

Die Luftangriffe Israels haben die Wirtschaft des Libanon schwer beeinträchtigt. Große Teile der Infrastruktur wurden zerstört, die meisten Läden und Geschäfte sind geschlossen. Banken begrenzen die Auszahlungshöhe für ihre Kunden. Die Beiruter Börse brach seit Beginn der Attacken um zehn Prozent ein. Erste Hilfe kommt gerade aus dem Staat, den Israel als Wurzel allen Übels sieht.

BEIRUT. Die Plakate hingen schon, die Inseratenkampagne in den Zeitungen war angelaufen. Als einer der Höhepunkte des Beiteddine Sommerfestivals 2006 hätte am nächsten Sonntag Liza Minellei auftreten sollen. Nach dem Ausbruch der jüngsten Gewalt wird der Saal im pitoresken Ort im Chouf-Gebirge leer bleiben. Die Touristen sind abgereist und die Einheimischen haben andere Sorgen, als sich eine spektakuläre Show anzusehen, wie das die Veranstalter ursprünglich versprochen hatten. Das Festival, eine der wichtigsten Sommerattraktionen, wurde vorerst verschoben genauso wie jenes in der antiken Stadt Baalbek.

Der libanesische Finanzminister hat nach sechs Tagen Bombardierung in einer vorläufigen Schätzung die Schäden an Infrastruktur, Strassen und Kommunikation auf mindestens 500 Millionen Dollar beziffert. Die gesamten Kosten für die Volkswirtschaft des Zedernstaates sind aber weitaus höher. Neben den materiellen Schäden durch die Bombenabwürfe sind die Verluste im Tourismussektor unmittelbar fühlbar. Cafes, Bars, Restaurants und Hotels in Beirut sind leer, dabei hatte die Hochsaison eben erst begonnen und ein gutes Geschäft versprochen. Im ersten Halbjahr war die Zahl der Touristen um 24 Prozent gestiegen.

Die wichtigsten Pfeiler der libanesischen Ökonomie sind der Tourismus- und der Immobiliensektor, beide reagieren äusserst empfindlich auf politische Instabilität und beide hatten durch den Hariri-Mord im Februar 2005 bereits einen empfindlichen Schock erlitten. Zwischen 600 und 1,5 Milliarden Dollar an ausländischen Geldern sind damals abgeflossen, wobei die Nationalbank den tieferen, Privatbanken den höheren Wert genannt haben. Auch der ausländische Kapitalzufluss hatte sich merklich verlangsamt.

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Finanzexperten hoffen nun, dass sich auch nach dem Ende dieser Krise, die Situation möglichst schnell wieder normalisieren wird, denn in den Ölstaaten gibt es immer noch sehr viel Geld, das nach Anlagen sucht und die Syrer können kaum ausweichen. Auf den europäischen Finanzplätzen werden zu viele Fragen über die Herkunft ihrer Gelder gestellt. Erste internationale Ratingagenturen haben aber schnell reagiert und das Land bereits zurückgestuft, das heisst die wirtschaftlichen Zukunftsaussichten schlechter bewertet. Damit muss der hochverschuldete Libanon für seine Ausstände noch höhere Zinsen bezahlen.

Golfaraber als Wirtschaftsfaktor

Im Jahr 2004 hatten erstmals seit dem Ende des Bürgerkrieges wieder eine Million Fremde den Libanon besucht, davon fast eine halbe Million Araber aus dem Golf. Dieses Ziel war auch in diesem Jahr wieder angestrebt worden. Diese zahlungskräftigen Gäste bleiben im Durchschnitt 15 bis 20 Tage und lassen – ohne Flug und Hotel – 6000 bis 8000 Dollar liegen, viel mehr als ein Europäer ausgeben würde. Die Araber gehen nicht nur aus, sie kaufen auch Kleider, Schmuck, Yachten und Immobilien.

Die Blockade und die teilweise Zerstörung des Flughafens und der Seehäfen wird sich bald auch auf die Versorgung auswirken. Der Libanon ist ein Land, der praktisch alles einführen muss, insbesondere den Treibstoff. Bereits wurde der Strom rationiert. Das ist allerdings nichts ungewöhnliches. In manchen Stadtteilen gibt es auch in Friedenszeiten nicht rund um die Uhr Elektrizität und die Generatoren, die als Notbehelf dienen, sind vielerorts noch vorhanden.

Als erstes hat die Regierung in Damaskus dem Libanon konkrete Unterstützung zugesagt. Sie schickt mehr Strom durch das Netz zu ihrem Nachbarn und öffnet alle Häfen, Flughäfen und Strasse für Hilfsgüter in den Zedernstaat, ohne diese mit Steuern und Gebühren zu belasten. Erste finanzielle Hilfe in der Höhe von 90 Millionen Dollar haben Saudi-Arabien und Kuwait versprochen, nachdem der libanesische Regierungschef Fouad Siniora erklärt hatte, die israelische Zerstörungskampagne würden sein Land in ein Katastrophengebiet verwandeln.

Siniora hatte in den letzten Monaten ein Programm von umfassenden Wirtschafts- und Strukturreformen zusammengestellt, das das Wachstum ankurbeln und die Abhängigkeit von ausländischen Geldgebern hätte verringern sollen. Jetzt werden die Prioritäten aber anders gesetzt werden müssen. Die Staatseinnahmen werden schrumpfen und nicht Wirtschaftsreform, sondern Krisenmanagement und Wiederaufbau werden an erster Stelle stehen.

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