Israels Kernwaffenpotenzial
Olmert - oder: Der Geist ist aus der Flasche

Israels Ministerpräsident Ehud Olmert hat eine altbekannte Formel reaktiviert, um seine Äußerung zum Atomwaffenbesitz seines Landes zu relativieren. Doch der Geist ist ohnehin aus der Flasche - zumal Israels Nukleararsenal selbst von Politikern befreundeter Länder inzwischen offen als Verhandlungsmasse deklariert wird.

HB BERLIN/JERUSALEM. Olmert sagte am Dienstag in Berlin nach einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Israel hat mehrfach gesagt, dass es nicht das erste Land sein wird, das Atomwaffen im Nahen Osten besitzen wird. Das war unsere Position, das ist unsere Position und das wird unsere Position bleiben“.

Hinter dieser Formel verschanzt sich die Regierung in Jerusalem seit Jahrzehnten, wann immer von ihrem Atomwaffenarsenal die Rede ist. Diese offizielle Politik „strategischer Zweideutigkeit“ soll Feinde im Unklaren lassen. Außerdem soll ein Wettrüsten in der Region verhindert werden, bei dem Israel seinen Vorteil nur einbüßen könnte. Zudem wären Handelsbeschränkungen für Rüstungsgüter wahrscheinlich.

Am Tag zuvor, in einem Interview mit dem deutschen Fernsehsender Sat 1, hatte sich der israelische Ministerpräsident noch ganz anders angehört. Gefragt, ob Israels Atomwaffenarsenal den Bemühungen des Westens nicht abträglich sei, den Iran am Besitz von Nuklearwaffen zu hindern, antwortete Olmert: „Israel ist eine Demokratie und bedroht niemanden ... Iran droht hingegen offen und öffentlich damit, Israel von der Landkarte zu tilgen. Kann man dies gleichsetzen, wenn sie [die Iraner] nach Atomwaffen streben wie die USA, Frankreich, Israel und Russland?“.

Auch wenn sich das Verständnis im Ausland in Grenzen halten dürfte: Im kleinen Israel, in dem Journalisten nicht ungestraft über das Atompotenzial des Landes schreiben dürften, löste der Regierungschef damit ein Erdbeben aus. „Olmerts nuklearer Versprecher“, titelten israelische Zeitungen am Dienstag in gleich lautenden Schlagzeilen. Die israelische Opposition ist über einen Bruch des offiziellen Schweigegebotes empört und verlangte sogar Olmerts Rücktritt.

Internationale Experten schätzen, dass Israel seit den 1960-er Jahren bis zu 200 Atomsprengköpfe hergestellt hat. Bereits seit 20 Jahren ist das Bombenprogramm kein Geheimnis mehr: 1986 enthüllte Mordechai Vanunu, ein früherer Techniker von Israels Bombenfabrik Dimona, Details über die Fertigung des Nuklearmaterials und der Sprengköpfe in der Negev-Wüste - inklusive Fotos. Neu ist aber, dass westliche Politiker Israels atomares Arsenal mit dem Streben des Irans nach Atomwaffen oder den schwierigen Bemühungen um eine atomwaffenfreie Zone im Nahen Osten immer direkter in Verbindung bringen.

Seite 1:

Olmert - oder: Der Geist ist aus der Flasche

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%