Israels Premier Ariel Scharon hat für den Gazastreifen neue Pläne
Auszug aus dem Paradies

Wenn Avishai Nativ auf die Terrasse seines kleinen Hauses im Gazastreifen tritt, dann öffnet sich ihm Richtung Westen der Blick aufs Mittelmeer. Tiefblau liegt das Wasser da, auf dem sich die Sonnenstrahlen unzählige Male brechen. Kitschiger könnte kein Postkartenmotiv sein.

GAZA-STADT. Doch noch während sich sein Besucher in Urlaubsträumen verliert, richtet Nativ, der als Gastronom sein Geld verdient, die Augen in eine andere Richtung. „Sehen Sie“, sagt der 49-jährige Familienvater mit dem kurz geschnittenen, grau melierten Haar, und deutet mit seinen breiten Arbeiterhänden nach Süden: „150 Meter von hier sind die dicht bevölkerten Elendsviertel der Flüchtlingslager von Khan Junis und Rafiah.“

Fast jede Nacht hört Nativ Schüsse aus diesen Quartieren, ab und zu schlagen Granaten ein. Seinen Pizzaofen, der wenige Meter von seinem Haus entfernt steht, sichert er mit Betonsperren ab. Von diesem Terror hätten seine Frau, seine drei Töchter und er jetzt genug, sagt er. Die Angst lässt ihn nicht los. Wie viele Siedler trägt er auch zu Hause seinen Revolver meist griffbereit am Gürtel. Nun will er die Region verlassen.

Nativ ist vor 14 Jahren an die Südspitze des Gazastreifens gezogen, weil er sich eine neue Existenz aufbauen wollte. Er profitierte von den Vorzugsbedingungen, mit denen der Staat junge Israelis in den unwirtlichen Gazastreifen lockte. Die Besiedlung des öden Landstrichs zwischen der Negev-Wüste und dem Mittelmeer galt als nationale Priorität. Die Siedler erhielten deshalb nicht nur subventionierte Wohnungen, sondern auch die besten Böden und einen großen Teil der knappen Wasservorkommen.

Insgesamt leben im Gazastreifen 1,3 Millionen Palästinenser, dicht an dicht und abgetrennt von den 8000 jüdischen Siedlern, die über reichlich Land verfügen. Während die Siedler die gut ausgebauten Straßen benutzen dürfen, ist die Bewegungsfreiheit der Palästinenser durch Straßensperren eingeschränkt.

Weil sein Haus „wegen der Lage“ unverkäuflich sei, konnte Nativ bis vor kurzem nicht einmal im Traum an einen anderen Wohnort denken – ihm fehlte schlicht das Geld. Jetzt aber bietet sich ihm erstmals eine reelle Chance.

Denn der Plan von Israels Premier Ariel Scharon sieht vor, dass alle jüdischen Siedler den Gazastreifen bis Herbst 2005 verlassen sollen. Israelis könnten nicht ewig im Gazastreifen bleiben, findet der Politiker nun, der bei den letzten Wahlen die israelische Präsenz im Gazastreifen noch als „unverzichtbar“ beschrieben hatte. Über Scharons Richtungswechsel in dieser Frage ist ein heftiger politischer Streit entbrannt. Selbst in seiner eigenen Likud-Partei kann er sich beim Thema Gaza einer Mehrheit nicht sicher sein.

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