Istanbul: „Der Anschlag sollte ein Umdenken hervorrufen“

Istanbul
„Der Anschlag sollte ein Umdenken hervorrufen“

Nach dem Attentat in Istanbul bleibt die Frage, wem der Anschlag galt. Türkei-Experte Sinan Ülgen über das Versagen der Behörden, die Terrormiliz IS und die Auswirkungen des Angriffs.

Sinan Ülgen ist Leiter des Forschungszentrums für Ökonomie und Außenpolitik in Istanbul. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht er über die Anschläge in der Türkei und wem sie galten.

Herr Ülgen, wem galt der Anschlag, der Türkei oder Deutschland?
Vorrangig der Türkei. Der Anschlag zielte darauf ab, die Wahrnehmung der Türkei als sicheres Urlaubsland zu untergraben. Trotzdem glaube ich, dass die Wahl einer deutschen Reisegruppe als Anschlagsziel nicht zufällig gewesen ist. Man muss nur bedenken, welche neue Rolle Deutschland im Kampf gegen den IS spielt – und die Hauptrolle bei der Linderung der Flüchtlingskrise in Europa.

Wieso konnte die türkische Regierung den Attentäter diesmal derart schnell identifizieren?
Es ist wahrscheinlich, dass der Täter den Behörden vorher bekannt gewesen ist...

was den Angriff nicht verhindert hat…
…und daher auf ein Versagen der Behörden hinweist. Sicherheitskräfte scheinen der gewaltigen Herausforderung durch die vorherrschenden Schwachstellen im Land nicht gewachsen zu sein. Dazu zählt neben der Terrorgefahr auch die große Zahl Flüchtlinge, die die Türkei beherbergen will.

Wird die Türkei ihre Flüchtlingspolitik ändern?
Die Türkei vollzieht, in gewisser Weise ähnlich wie Deutschland, eine „Politik der offenen Tür“, was Flüchtlinge angeht. Allein, das Attentat von Istanbul hat deutlich gezeigt, welche Sicherheitslücken durch diese Politik hervorgerufen werden. Sie wird daher in den nächsten Wochen sicher hinterfragt werden. Es sollte nun aber nicht darum gehen, die Zahl derjenigen zu verringern, die in der Türkei Schutz suchen. Vielmehr muss die Politik verhindern, dass sich eine kleine Minderheit innerhalb der Flüchtlingspopulation radikalisiert. Hier liegt das eigentliche Problem.

Welchen Einfluss hat der Anschlag auf die türkische Syrienpolitik?
Der Anschlag sollte ein Umdenken in Ankara hervorrufen. Ich glaube aber nicht daran. Die Regierung wird weiterhin einen Regimewechsel in Syrien vorantreiben, genauso wie den Kampf gegen den IS. Darüber hinaus versucht die Türkei, den Einfluss syrischer Kurden in dem Land gering zu halten. Diese Ziele stehen jedoch in Konflikt miteinander. Die Entmachtung des syrischen Machthabers Assads wird nicht den IS beseitigen. Im Gegenteil: Ein solches Szenario könnte Syrien in noch mehr Gesetzlosigkeit und Unordnung stürzen. Das würde dem IS sogar noch helfen. Im Idealfall sollte Ankara dem Kampf gegen den IS absolute Priorität geben. Alles weitere ist nachrangig.

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