Italien drängt die Kanzlerin
„Schnell, Frau Merkel“

Der Frust über Berlins Euro-Kurs im Süden der EU ist groß, aber auch die Hoffnung auf eine Rettung durch Deutschland. Der Chefredakteur von Sole 24 ore wendet sich direkt an die Kanzlerin, zu retten, was zu retten ist.
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RomIn einem Leitartikel mit dem deutschsprachigen Titel „Schnell Frau Merkel“ hat Roberto Napoletano, Chefredakteur der italienischen Wirtschaftszeitung Sole 24 ore, die Bundeskanzlerin aufgefordert, in der Eurokrise zu handeln. Im eigenen Interesse müsse Deutschland mehr europäische Solidarität zu zeigen. Dabei geht es dem Italiener ganz eigennützig um eine Einlagensicherung auf europäischer Ebene, um den direkten Zugang der Banken zum EFSF und um gemeinsamen Euro-Bonds.

Seit Anfang Juni druckt die Zeitung Gastkommentare von "europäischen Gründungsvätern", darunter Helmut Schmidt und Joschka Fischer. Hier knüpft Napoletano an - und beschwört den europäischen Geist, wie ihn auch Helmut Kohl verkörpert habe. Damit zielt der Chefredakteur auf den nächsten EU-Gipfel, der nicht "das 25 Treffen in Folge ohne Ergebnis" werden dürfe. Und er zitiert Helmut Schmidt mit der Warnung, dass Deutschland "sein Geschichtsverständnis verliert - und seine Solidarität mit den Partnern".

Damit ist Napoletano bei Merkel: "So können Sie nicht weitermachen. Sie werden damit nicht allzuweit kommen, wenn Sie weiter die Wut der Griechen, den verletzten Stolz der Spanier, die Angst der Italiener und die Sorgen der Franzosen ignorieren."

Die Zeit der Worte sei vorbei, nun müsse die politische Integration Europas vollzogen werden. Darunter versteht der Chef der Wirtschaftszeitung aber zunächst eine Fiskalunion, die zum Beispiel eine europaweite Garantie der Bankeinlagen und Euro-Bonds umfasst.

Die Rettung der Eurozone liege vor allem im Interesse der Exportnation Deutschland: "Inmitten der Ruinen europäischer Länder wird es kein starkes und gesundes Deutschland geben", warnt Napoletano. Daher müsse Merkel jetzt zwei oder drei Treffer landen - und zwar so schnell, "dass allen klar wird, dass die Vereinigten Staaten von Europa Realität sind und der Euro nicht mehr angreifbar ist. Schnell Frau Merkel, schnell."

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik

Kommentare zu " Italien drängt die Kanzlerin: „Schnell, Frau Merkel“"

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  • Herr Schwerdt, die Schweiz ist ohne grosse Probleme seit knapp 20 Jahren Exportweltmeister! Es ist also schlicht falsch, wenn Sie behaupten Deutschland als Exportnation könne wegen der Aufwertungsgefahr eine eigene Währung nicht mehr einführen.

  • Ich frage mich, wo all diese ökonomischen Schlaumeier hier waren, als es um die deutsche Wiedervereinigung ging.

    Damals hat die Anpassung der Ostmark an die Westmark die östliche Wirtschaft mit einem 400%igen Kostenschub auf einen Schlag vernichtet.

    (Kleine Anmerkung am Rande: Der persönlich dafür mitverantwortliche Wirtschaftsstaatssekretär (siehe seine eigene Biographie) war knapp 10 Jahre danach lange Zeit ein angeblich äusserst beliebter Präsident, bis er endlich "den Köhler machte".)

    Ein ähnliches Szenario wie der verblichenen Ostwirtschaft droht uns bei einem Euro Austritt Deutschlands zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Die "neue DM" würde bspw. gegenüber dem USD sofort um 200% - 400% höher bewertet sein. Das wäre kein Spass für die stolze Exportnation.

    Von den Wechselkursen zu unseren neuen europäischen Nachbarwährungen reden wir gar nicht erst.

    Hier die Exportaufstellung Deutschlands nach wichtigsten
    Handelspartnern in 2011:

    http://de.statista.com/statistik/daten/studie/2876/umfrage/rangfolge-der-wichtigsten-handelspartner-deutschlands-nach-wert-der-exporte/

    Die Zahlen sprechen für sich.

    Wir sind im Boot, warum auch immer. Aussteigen ist keine Option. Also, steife Oberlippe bitte und vernünftige Anregungen für eine erfolgreiche Pokerrunde anstatt billiger Polemik! Letzteres bringt uns nicht weiter.

    Wolfgang Schwerdt


  • Sie! sind mit den Gesetzen des Pokerns selber nicht vertraut. Sie glauben doch nicht allen Ernstes, dass
    sich die anderen Nationen über den Fiskalpakt von Deutschland beherrschen lassen werden. Die Südeuropäer wissen vielmehr zu pokern. Um an deutsches Geld zu kommen, stimmen sie pro forma den auf dem Papier strengen Regeln des Fiskalpakts zu. Haben Sie dann unser Geld eingesackt, wird der Fiskalpakt genau so viel wert sein wie der auf dem Papier ebenfalls strenge Maastricht Vertrag, nämlich gar nichts mehr. Wenn wir
    wir für Deutschland lauter solche Heroen wie Sie an den
    Pokertisch entsenden, kann sich unser Vaterland gleich den Strick geben.

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