Italien erlässt Preisstopp nach französischem Vorbild
Berlusconi legt der Inflation Zügel an

Orazio ist ein dicker Obst- und Gemüsehändler, der in einem ruhigen Stadtteil Mailands unweit der berühmten Kanäle des Leonardo da Vinci ein „Mini-Frutteto“ betreibt. Wie der Name schon sagt, gehört der Laden nicht zu einer jener großen Handelsketten, die sich Ende letzter Woche mit Italiens Regierung geeinigt haben, die Preise für bestimmte Produkte bis zum Jahresende einzufrieren.

MAILAND/PARIS. „Ich bin auch gegen die Inflation, aber was soll ich tun?“, fragt Orazio. Anders als Handelsriesen wie Rewe oder Auchan könne er nicht zusagen, die Preise für Zucchini und Tomaten über lange Monate stabil zu halten.

Der Ladenbesitzer denkt wie alle Kleinsthändler, von denen es in Italien viel mehr gibt als in Deutschland oder Frankreich. Er hält nichts von amtlich verordneten Preisstopps, die am Ende die Kunden nur in die Arme der Handelsriesen treiben. Dennoch ist das Thema Inflationsbekämpfung für die Regierung von Premier Silvio Berlusconi von immensem Interesse. Schließlich liegt die Geldentwertung in Italien mit zuletzt 2,3 Prozent seit langem über dem EU-Durchschnitt.

Und in wohl keinem Land der Währungsunion sind die Preise im Zuge der Euro-Einführung stärker gestiegen als in Italien. So kostete laut Istat eine Pizza Margherita vor der Umstellung im Schnitt 7000 Lire (sieben D-Mark), heute sind es sechs Euro. Das italienische Frühstück – Cappuccino und Brioche – war früher in der Bar für 2500 Lire zu haben, heute muss man zwei Euro hinblättern. „Dasselbe Bild findet sich im Einzelhandel. Viele Familien wissen nicht mehr, wie sie das Monatsende erreichen sollen“, klagt Verbraucherschützer Elio Lanutti von Adusbef. Mit dem populistisch hochgejubelten Pakt hofft Berlusconi, diesen Klagen Einhalt zu gebieten: Demnach frieren die 15 000 Verbraucher- und Supermärkte des Landes bis zum 31. Dezember dieses Jahres die Preise für Produkte ein, die unter ihren Handelsmarken verkauft werden. Im Gegenzug sollen Baugenehmigungen erleichtert und Öffnungszeiten liberalisiert werden.

Mit dieser Initiative eifern die Italiener den Franzosen nach, deren Wirtschaftsminister Nicolas Sarkozy bereits im Juni die großen Ketten wie Carrefour und die Hersteller von Markenprodukten zusammengetrommelt hat, um dem Preisanstieg Einhalt zu gebieten. Die Runde verabredete durchschnittliche Preissenkungen von zwei Prozent ab September.

Doch dieser Tage musste Sarkozy bereits die zankenden Beteiligten zur Ordnung rufen. Die Handelsketten beschuldigten die Hersteller, ihre Großhandelspreise nicht wie abgesprochen senken zu wollen. Ob Sarkozys Dekret tatsächlich die Kauflust seiner französischen Landsleute angekurbelt hat, gilt deshalb auch als höchst unsicher: Denn die großen nationalen Marken füllen nur rund neun Prozent des Warenkorbs eines Durchschnittsfranzosen.

Ähnlich sieht es in Italien aus: Der Wert der vom Preisstopp betroffenen Produkte macht nur 14 Prozent der in den Supermärkten verkauften Artikel aus. Bedenkt man, dass die großen Handelsketten in Italien nur etwa die Hälfte des Marktes halten, werden die Grenzen der Vereinbarung deutlich. Sie wird die Inflation kaum dämpfen können. Volkswirte meinen ohnedies, dass eine Entrümpelung der Vorschriften und eine Liberalisierung des Handels die weit bessere Waffe gegen steigende Preise wäre. Und Gemüsehändler Orazio ist überzeugt: „Meine Zucchini und Tomaten sind sowieso die besten. Meine Kunden bleiben mir treu.“

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