„Italien gedemütigt“
Berlusconi schaltet im „Fall Schulz“ auf stur

Die EU-Ratspräsidentschaft Italiens war erst vier Tage alt, da musste der italienische EU-Ratspräsident Silvio Berlusconi am Freitag nach dem Eklat wegen seiner Nazi-Äußerung im Europa-Parlament schon einen Neustart versuchen. Doch der „Cavaliere“ (Ritter), wie er in Italien gern genannt wird, hat mitnichten die Wogen geglättet.

dpa ROM. Nach einem Treffen mit der EU-Kommission in Rom verteidigte er zur Überraschung aller seine verbale Entgleisung vom Mittwoch, als er den SPD-Europaabgeordneten Martin Schulz mit einem KZ-Aufseher verglichen hatte. Eine Entschuldigung schloss er kategorisch aus.

Auch beim Telefonat mit Bundeskanzler Gerhard Schröder am Donnerstag habe er sich nicht entschuldigt, betonte Berlusconi. Er habe lediglich bedauert, dass seine ironisch gemeinte Bemerkung missverstanden worden sei. Dabei schien zunächst der italienische Regierungschef und Medienzar das Ausmaß des politischen Schadens begriffen zu haben, den er sich in Straßburg selbst zugefügt hatte. „Ich hätte mir besser auf die Zunge beißen sollen“, soll er Medienberichten zufolge bei einer Kabinettssitzung am Donnerstag zugegeben haben.

Der Schock in Italien über den Eklat von Straßburg sitzt in jedem Fall tief. „Wir sind gedemütigt worden“, wurde Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi zitiert, der am Donnerstagabend die italienische Regierung und die EU-Kommission zu einem Galadiner geladen hatte. Die Stimmung bei dem Bankett entsprach nicht dem pompösen Rahmen im Quirinalspalast. Mit steinerner Miene saßen Berlusconi und EU- Kommissionspräsident Romano Prodi neben Ciampi.

Die Zeitungen lagen falsch

Prodi war auch am Freitag kein Lächeln zu entlocken, während Berlusconi versuchte, gute Stimmung vorzuspiegeln. Dabei dürfte ihm wohl ganz anders zu Mute sein. Weil er just mit Prodi zusammenarbeiten muss, der als sein Gegner bei der nächsten Parlamentswahl gilt, ist der EU-Vorsitz schon heikel genug. Doch jetzt muss Berlusconi nach seinen unbedachten Worten von Straßburg auch noch mit ansehen, wie sich Prodi ganz im Gegensatz zu ihm souverän auf dem glatten europäischen Parkett bewegt.

„Der Fall ist abgeschlossen“, titelten zwar die meisten italienischen Blätter am Freitag nach Berlusconis Anruf bei Schröder, doch sie lagen falsch. Denn Berlusconi hat im „Fall Schulz“ auf stur geschaltet. Beim Europa-Parlament will er sich nicht entschuldigen. Ganz im Gegenteil: Er wird nicht müde zu betonen, wie sehr er sich von Schulz beleidigt fühle. Aus seiner Sicht müsste sich also der SPD-Abgeordnete bei ihm entschuldigen, nicht umgekehrt. Berlusconi sieht sich außerdem weiterhin als das Opfer einer „Provokation“, die von der italienischen Linken von langer Hand geplant worden sei.

Jetzt hat sich die kuriose Situation ergeben, dass Schröder etwas als Entschuldigung akzeptiert hat, was Berlusconi nie so gemeint hat. Schröder habe wohl „für das höhere Wohl Europas“ so gehandelt, kommentierte die römische Tageszeitung „La Repubblica“ am Freitag. In Wirklichkeit sei aber die „Ohrfeige von Straßburg“ ein „unauslöschliches Handicap“ für die sechs Monate, in denen Berlusconi an der Spitze der EU stehen wird.

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