Italien
Lahmes Wachstum, hohe Preise, alte Menschen

Stagnierendes Wachstum, steigende Inflation, abnehmende Wettbewerbsfähigkeit: Wahlsieger Silvio Berlusconi tritt seine Arbeit zu einem äußerst heiklen Zeitpunkt an. Doch die Wirtschaft ist längst nicht das einzige Problem Italiens.

MAILAND. Die Wirtschaft lahmt, und auch Silvio Berlusconi hat diesmal Wunder versprochen wie in der Vergangenheit. Italien bekommt in diesen Zeiten wie andere Länder die Ausläufer der internationalen Finanzkrise zu spüren. Die italienischen Banken haben zwar weniger Risikopapiere in ihre Bücher genommen als viele amerikanische oder deutsche Institute. Aber eine mögliche weltweite Rezession bekommt auch das Exportland Italien zu spüren. Zudem erschweren hausgemachte Probleme die Lage.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass Italiens Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr nur 0,3 Prozent wachsen und damit fast stagnieren wird. Italien wird damit nach den Prognosen des IWF das Schlusslicht der Euro-Zone bilden. Italiens Politiker und Zentralbanker halten die Schätzungen des IWF zwar für zu pessimistisch. Aber auch sie geben zu, dass es schlecht bestellt ist um ihr Land.

Beim jüngsten Ranking des Produktivitätswachstums der OECD landete Italien auf dem letzten Platz der 30 Industrieländer. Viele der italienischen Unternehmen sind in Branchen wie der Textilindustrie tätig, die noch viel Handarbeit erfordern und besonders der Billigkonkurrenz aus Asien ausgesetzt sind. Bei den Investitionen in Forschung und Entwicklung liegen Italiens größtenteils kleine Unternehmen weit unter dem europäischen Durchschnitt. Die Produktivität bleibt so auf der Strecke.

Bei den Wählern standen in diesen Monaten vor allem die gestiegenen Lebenshaltungskosten im Vordergrund. Die Preise für Pasta, Brot und Energie sind auch wegen der hohen Weltmarktpreise deutlich gestiegen. Im März kletterte die Inflationsrate auf 3,3 Prozent – den höchsten Stand seit zwölf Jahren. Viele Familien wissen nicht mehr, wie sie mit ihren mageren Nettogehältern – nach Portugal den niedrigsten in West- und Südeuropa – das Monatsende erreichen sollen. Beide Kandidaten haben daher in ihren Kampagnen Steuererleichterungen und Hilfen für Familien versprochen.

Frühe und großzügige Renten

Auch die demografische Entwicklung ist ein Problem, das Italien dringend angehen muss. Im Wahlkampf war dies zwar kaum ein Thema. Aber angesichts der niedrigen Geburtenrate und der steigenden Zahl der Rentner muss Italien das Problem schnell angehen. Auch gesellschaftlich könnte die Lage noch explosiv werden: Während die älteren Generationen auf sicheren Arbeitsplätzen oder schon im frühen Alter auf großzügigen Renten sitzen, haben vor allem die jungen Menschen das Nachsehen. Auch die großen Gewerkschaften vertreten mittlerweile mehr Rentner als aktiv Beschäftigte.

Eiliger und konkreter ist ein anderes Thema: Alitalia. Die seit mehr als einem Jahr andauernde Privatisierung wird eine der ersten Bewährungsproben für die neue Regierung sein, denn die Fluggesellschaft steht kurz vor dem Konkurs und findet keine Käufer. Kurz vor den Wahlen ist die Übernahme durch Air France-KLM an der Blockadehaltung der Gewerkschaften gescheitert. Daran war Berlusconi nicht ganz unbeteiligt, denn er hat eine angebliche Käufergruppe italienischer Unternehmer ins Spiel gebracht. Die Zeit drängt, die liquiden Mittel reichen nur noch bis Juni.

Was den italienischen Haushalt angeht, findet die neue Regierung dagegen eine bessere Lage vor als noch Romano Prodi vor zwei Jahren. Dank des Sparkurses und der Bekämpfung der Steuerhinterziehung hat die scheidende Regierung den Haushalt deutlich saniert. Bereits im vergangenen Jahr hat Italien sein Defizit unter das Maastricht-Kriterium von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesenkt. Mit einem langsameren Wirtschaftswachstum wird es jedoch schwierig, langfristig einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen wie geplant.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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