Italien
Mafia versenkt Schiffe mit Giftmüll im Meer

Rund zwanzig Kilometer vor der kalabrischen Küste liegt in fast 500 Metern Tiefe das Wrack der Cunsky mit etwa 120 Giftmüll-Fässern. Die kalabrische Mafia ´Ndragheta soll das Schiff versenkt haben, wie auch andere Schiffe mit brisanter Ladung. Umweltorganisationen schätzen, dass in den 80er und 90er Jahren rund 40 Schiffe verschwunden sind.

MAILAND. Ein Roboter hat jetzt die Wahrheit ans Licht gebracht: Er zeigt Bilder eines Schiffswracks, das 20 Kilometer vor der kalabrischen Küste in 487 Meter Tiefe liegt und in dem aller Voraussicht nach 120 mit Giftmüll gefüllte Fässer schlummern. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um ein Schiff namens Cunsky, das radioaktives Material an Bord hatte. Und die Cunsky könnte nur eines von vielen Schiffen sein, dass die kalabrische Mafia 'Ndragheta im Mittelmeer versenkt hat.

Der Fund der Cunsky bestätigt die schlimmsten Befürchtungen über einen groß angelegten Müllskandal, der lange als Verschwörungstheorie abgetan wurde. Seit 1994 war Staatsanwalt Francesco Neri dem Verschwinden von Schiffen nachgegangen, weil er vermutete, sie seien samt Giftmüll-Ladungen versenkt worden. Einer seiner Mitarbeiter starb unter mysteriösen Umständen, als er sich Dokumente über die Schiffsladungen beschaffen wollte. Im Jahr 2000 wurde die Untersuchung jedoch aus Mangel an Beweisen eingestellt.

Dass die Beweise nun ans Licht kommen, ist nicht zuletzt den Aussagen des 'Ndrangheta-Kronzeugen Francesco Fonti zu verdanken und dem Druck der Umweltorganisation Legaambiente, die die Vorkommnisse auf eigene Faust weiter untersuchte. Fonti machte präzise Angaben zu dem Vorgehen der kriminellen Organisation, und so konnten die Behörden das Wrack orten und den Roboter einsetzen. In seinen Aussagen bekannte sich der Kronzeuge Fonti persönlich dazu, das Schiff Cunsky 1992 mit Sprengstoff versenkt zu haben. Für mindestens weitere acht Schiffe, die alle gesunken sind, ohne einen Notruf zu senden, besteht der Verdacht, dass es sich ebenfalls um von der 'Ndrangheta versenkte Giftmülltransporte handelte.

„Wir hoffen, dass der Fund des Wracks dazu führt, dass die wohl allzu eilig eingestellten Untersuchungen nun mit neuer Kraft vorangetrieben werden“, sagte der Vizepräsident von Legaambiente Sebastiano Venneri. Nach Schätzungen der Umweltorganisation sind in den 80er und 90er Jahren insgesamt rund 40 Schiffe an besonders tiefen Punkten des Mittelmeers auf mysteriöse Weise verschwunden. Dass die Kriminellen mit ihren Taten das eigene Meer verseuchten, kümmerte sie wenig, wie Gesprächsaufzeichnungen zweier Bosse zeigen: „Und was wird aus dem Meer?“ fragt einer der beiden und bekommt als Antwort: „Was kümmert uns das Meer? Denk an das Geld, damit gehen wir woanders ans Meer.“

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%