Italien
Protestler bewerfen Steuerbehörde mit Molotow-Cocktails

In Italien wächst die Wut auf die Steuerbehörde Equitalia: Laut Medienberichten wurden jetzt Brandsätze auf eine Niederlassung in Livorno geworfen. Zuvor hatte die Zentrale in Rom ein Paket mit Schießpulver erhalten.
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MailandIm krisengeschüttelten Italien nehmen gewaltsame Proteste gegen die Steuerbehörden zu. In Livorno in der Toskana warfen Unbekannte am frühen Samstagmorgen Molotow-Cocktails auf das Büro der Steuereinzugsgesellschaft Equitalia. Die Brandsätze explodierten jedoch nicht. Lediglich die Eingangstüre des Gebäudes sei beschädigt worden, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa.

Der Wut der Bürger gegen die Behörde, die für die Eintreibung der Steuern zuständig ist, steigt angesichts des eingeschlagenen Sparkurses der Regierung von Mario Monti. Gegen Equitalia sind in den vergangenen Monaten auch Briefbombenanschläge verübt worden. Unter anderem erhielt die Zentrale in Rom am Freitag ein Paket mit Schießpulver, das aber keinen Zünder enthielt. Equitalia verteidigte sich daraufhin gegen Vorwürfe, am sozialen Elend und der Zunahme von Selbstmorden schuld zu sein. Es sei inakzeptabel, Equitalia für „dramatische“ Situationen verantwortlich zu machen, die andere Ursachen hätten und jetzt durch die Wirtschaftskrise verstärkt würden.
Am Freitag hatten in Neapel mehrere Hundert Menschen unangemeldet vor dem Sitz der Equitalia demonstriert. Es kam zu Ausschreitungen. Demonstranten warfen Eier, Steine, Flaschen und Säcke mit Abfall auf die Polizeikräfte. Mit Müllcontainern versuchten sie, die Straße zu blockieren. Ein Dutzend Polizeibeamte wurde verletzt. Gegen sieben Personen wurden Verfahren eingeleitet, unter anderem wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt, Sachbeschädigung und Körperverletzung.

Zu Beginn der Woche hatte es bereits zwei Angriffe auf Equitalia gegeben: In Mailand schlug ein Baumanager zwei Steuer-Inspekteure zusammen. In Neapel griffen Demonstranten ein Equitalia-Büro an und verletzten dabei zwei Polizisten. Die Demonstranten warfen Equitalia vor, an der Zunahme von Selbstmorden in Italien schuld zu sein. „Die extreme Oberflächlichkeit, mit der Equitalia in den letzten Tagen mit Selbstmorden in Verbindung gebracht wurde, verschärft die sozialen Spannungen“, erklärte Equitalia.

Im März hatte die Selbstverbrennung eines Maurers, der seine Steuerschulden nicht zahlen konnte, für Furore gesorgt und den Anstieg der Selbstmordrate in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Seit Jahresbeginn nahmen sich nach Gewerkschaftsangaben bereits mindestens 32 Menschen wegen der Krise das Leben. Die Regierung unter Ministerpräsident Mario Monti verfolgt einen rigiden Sparkurs, um den hohen Schuldenstand des Landes zu drücken.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Italien: Protestler bewerfen Steuerbehörde mit Molotow-Cocktails"

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  • Wer zahlt denn bitte 50% Steuern? Da musst du aber schon ziemlich viel verdienen. Ich bin bei einem Jahresgehalt jenseits der 50k und hab einen Abgabensatz von 39% durch Freibeträge und so weiter - und das als Single.

  • Steuerehrlichkeit?? Was haben über 50% Steuern in DE mit Ehrlichkeit zu tun??? Selten so ein Blödsinn gelesen.
    Ausser die letzten zwei Sätze.

  • Das alles zeigt die problematische Mentalität der Südvölker der EU und ihre Ungeeignetheit für die Zugehörigkeit zum Euro-Raum auf. Ganz offensichtlich in Italien und noch mehr in Griechenland stehen nicht zuletzt
    Besserverdiener offensichtlich auf dem Standpunkt, dass Steuehrlichkeit entbehrlich ist. Greifen die Steuerbehörden dann durch, kommt es zu Verzweiflungstaten.
    So lassen sich Staatshaushalte nicht sanieren, und der Euro-Raum als ganzes muss an diesen Entwicklungen leiden. Europa war und ist nicht reif für den Euro. Diese Währung,
    die niemanden gut tut, muß endlich weg!

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