Italien
Wie Berlusconi der Mafia hilft

Um sich selbst die Richter vom Hals zu halten, plant Italiens Premierminister Silvio Berlusconi eine Justizreform. Damit gefährdet er jedoch die wirksamsten Strategien seiner Fahnder gegen die Mafia. Ein Report von einem Gut, das zuvor dem kriminellen Geheimbund gehörte.

SAN SEBASTIANO DA PÒ. Als der morgendliche Regen aufgehört hat und sich ein paar Sonnenstrahlen zögerlich den Weg durch die Wolken bahnen, tritt Isabella Spezzano aus der Tür hinaus, schreitet über den nassen Kies zur Brüstung der Terrasse und blickt in eine bessere Zukunft: „Hier wollen wir nächsten Monat 200 Haselnussbäume pflanzen“, sagt sie. Ihre ausgestreckte Hand führt den Blick auf ein Feld, das sich vor der Villa den Hang hinunterzieht. Bisher stehten dort nur zwei einsame Feigenbäume der Vorbesitzer.

Haben die Haselnüsse erst die Feigen verdrängt, wäre das wieder ein kleiner Sieg für Isabella Spezzano gegen die, die hier früher mal wohnten, gegen die von der Mafia.

Jahrzehntelang lebten in der Villa die Belfiores, eine der führenden Familien der 'Ndrangheta, der kalabrischen Mafia. Die Belfiores lebten hier nahe dem Örtchen San Sebastiano da Pò ziemlich bequem: 1000 Quadratmeter Wohnfläche bietet die Villa auf drei Etagen, dazu zwei große Scheunen, Weiden und reichlich Ackerland. Und die urbanen Annehmlichkeiten von Turin sind auch nur 20 Kilometer entfernt.

Nun hat hier die Organisation „Libera“ in der Mafia-Villa das Sagen. Libera-Aktivisten wie Isabella Spezzano, 23, bewirtschaften Mafia-Güter, die der Staat enteignet hat. Den Mafiosi ihren Besitz wegnehmen, das hat sich als eine der erfolgreichsten Strategien gegen die organisierte Kriminalität erwiesen. Nicht nur ist es oft eine größere Demütigung für die Gangster als ein Knastaufenthalt. Auch sorgen Organisationen wie Libera dafür, dass Villen wie die in San Sebastiano zu Zentren des sozialen Widerstands gegen die Mafia werden.

Doch diese Erfolgsstrategien gegen die Mafia sind nun gefährdet – durch Silvio Berlusconi. Italiens Premierminister holt zu einem weiteren Schlag gegen die Richter und Staatsanwälte aus. So will er etwa das Abhören von Telefonen beschränken: „Wir werden das Abhören nur bei schweren Verbrechen erlauben“, sagte Berlusconi am Sonntag auf einer Veranstaltung seiner Partei „Volk der Freiheit“.

Gerade erst hat Italiens Verfassungsgericht Berlusconi die Immunität abgesprochen. Der Premier muss sich mehreren Prozessen gegen sich doch stellen. Nun fühlt er sich – nicht zum ersten Mal – verfolgt von der Justiz und will deren Ermittlungsmöglichkeiten beschneiden. Das alarmiert Italiens Mafia-Jäger. Denn Berlusconis „Justizreform“ droht ihren Kampf gegen die Mafia empfindlich zu stören.

Nach Jahrzehnten der Erfolglosigkeit hat Italien in den vergangenen 15 Jahren regelmäßig Erfolge im Kampf gegen die Mafia verbuchen können. Fast 9000 Immobilien hat der italienische Staat den Angehörigen der verschiedenen Clans entrissen. Auch unter Berlusconi wurden etliche Mafiosi verhaftet. Der spektakulärste Fall war die Verhaftung des Cosa-Nostra-Paten Bernardo Provenzano, den seine Häscher nach 43 Jahren Flucht im April 2006 erwischten.

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