Italiens Austritt aus dem Euro: Grillo macht ein Tabuthema salonfähig

Italiens Austritt aus dem EuroGrillo macht ein Tabuthema salonfähig

Der italienische Wahlsieger Grillo spekuliert offen über den Austritt seines Landes aus der Euro-Zone. Ökonomen sehen diese Möglichkeit mit gemischten Gefühlen. Ganz abwegig wäre ein solcher Schritt aber nicht.
  • 67

BerlinEs ist ein unwahrscheinliches Szenario, aber doch nicht ganz auszuschließen: Italien könnte aus der Euro-Zone ausscheiden. Mit einer eigenen Währung wäre der Weg frei für eine schnelle Abwertung. Italienische Produkte und Dienstleistungen würden günstiger und wettbewerbsfähiger. Der Austritt könnte ein Befreiungsschlag sein.

Der Konjunkturchef des Münchner Ifo-Instituts, Kai Carstensen, hält eine solche Entwicklung für nicht ausgeschlossen – auch, weil der Unmut über die Belastungen, die die Euro-Retter Italien und anderen Wackelkandidaten aufbürden, sich immer hörbarer Bahn bricht. In Italien war dies zuletzt bei der Parlamentswahl zu beobachten. Der Urnengang machte Beppe Grillo zum Überraschungssieger.

Jetzt denkt Grillo offen sogar schon über einen Euro-Abschied seines Landes nach. „De facto ist Italien doch schon aus dem Euro raus“, sagte der Chef der Bewegung „Fünf Sterne“ dem Handelsblatt. Er gehe davon aus, dass auch die nordeuropäischen Staaten Italien nur so lange halten würden, bis sie die Investitionen ihrer Banken in italienische Staatsanleihen hereingeholt hätten. „Dann werden sie uns fallen lassen wie eine heiße Kartoffel.“

Zugleich deutete Grillo eine Volksentscheidung zum Euro an. Er beschließe einen Austritt aus dem Euro aber „nicht allein“, sondern würde „ein Online-Referendum zum Euro machen“. Genauso wie zum Vertrag von Lissabon. Dies seien „alles Themen, bei denen unsere Verfassung außer Acht gelassen wurde“.

Für den Ifo-Experten Carstensen sind das Indizien für eine Euro-Müdigkeit. „Wir kommen dem Punkt näher, an dem sich große Teile der Bevölkerungen in den Krisenländern vom Euro abwenden, weil sie die Anpassungslasten vermeiden wollen, die mit einer internen Abwertung der Löhne und Preise einhergehen“, sagte Carstensen Handelsblatt Online.

Die Alternative sei eine externe Abwertung über den Wechselkurs, wie Italien es vor Beginn der Währungsunion immer wieder gemacht habe. „Es hätte eine gewisse Logik, wenn mit Italien ein Land diesen Schritt geht, das bisher nicht von den Rettungsgeldern des ESM abhängt und auch keine geplatzte Immobilienblase zu verkraften hat“, sagte Carstensen.

Kommentare zu " Italiens Austritt aus dem Euro: Grillo macht ein Tabuthema salonfähig"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 7:30 bis 21 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Hermosa, auch bei ihnen fällt mir der mißbräuchliche Gebrauch von Euro, EU und Europa auf. Europa ist ein Kontinent mit 47 Staaten, davon gehören bislang 27 zur EU und 17 zum Euroraum. Und von genau diesem Mißbrauch der deutschen Sprache lebt unsere große Staatsratsvorsitzende.

  • Und diese Partei wird auch eine Menge der Nichtwähler aktivieren und genau dort liegt ihr größtes Potenzial.

  • Bitte, keinen Nord-Euro. Der würde sofort ein ähnliches Monster wie die EU inklusive EZB nach sich ziehen. Gemeinsamer freier Handelsmarkt und gut ist, keine teure Riesenverwaltung oder Subventionsumverteilungsmaschinerie mehr.

Serviceangebote