Italiens neuer Ministerpräsident
„Von allen ist er der am wenigsten Schlimme“

In Europa kannte vor einer Woche kaum einer Enrico Letta. Jetzt ist er Italiens Ministerpräsident. Seinen Landsleuten tut er fast ein wenig leid. Dass seine Koalition lange durchhält, glaubt fast niemand.
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Mailand„Was ich von Nicoletta halte?“, fragt die junge Frau erstaunt. Mit der lauten Musik im Hintergrund hat sie den Namen falsch verstanden. „Ach so, Enrico Letta !“ Den Namen des neuen Ministerpräsidenten habe sie noch gar nicht so präsent, lacht die junge Psychologin, die sich in der Kaffee-Bar Kinky mit einem Hörnchen stärkt. „Ich kann nur sagen, dass es nach Mario Monti das zweite Mal ist, dass wir eine Regierung haben, die wir nicht gewählt haben. Das ist nicht wirklich demokratisch“, gibt sie zu bedenken. Ob Letta ein guter Premier sei, könne sie jetzt noch nicht sagen. „Das wird sich noch herausstellen“.

Enrico Letta ist der Überraschungssieger Italiens. Auch die Italiener müssen sich noch ein Bild machen über den 46-jährigen Mann aus der zweiten Reihe, der seit Dienstag die drittgrößte Volkswirtschaft in Europa regiert. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Swg sehen immerhin 48 Prozent der Italiener die Regierung Letta und seine Große Koalition positiv. Aber nur sieben Prozent glauben, dass die Koalition auch bis zum Ende der Legislaturperiode halten wird.


„Ich habe Beppe Grillo gewählt. Letta ist doch auch schon seit 20 Jahren dabei. Und jetzt soll er der Retter der Nation sein? Ich würde sie alle nach Hause schicken“, sagt die Bar-Besitzerin Silvia. „Genau, alle zusammenpacken und anzünden“, pflichtet ihr ein Kunde bei, der gerade an der Kasse seinen Espresso bezahlt, „die sind doch alle gleich“. Ein anderer, der gerade seinen Cappuccino trinkt, ist etwas moderater: „Vielleicht ist er von allen der am wenigsten Schlimme. Warten wir mal ein paar Monate ab.“

„Ein paar Monate? Solange hält die Regierung nicht“, wirft Silvia ein. Ihr tut er auch ein bisschen leid, ihr Premier. Schließlich sei er fast überrumpelt worden und muss jetzt eine Koalition führen, in der Silvio Berlusconi immer noch viel zu sagen hat. „Nach 20 Jahren Berlusconi haben wir wieder Berlusconi“, sagt auch Fabio, der eine Tür weiter Zeitungen verkauft. Fabio ist ein enttäuschter PD-Wähler, der diesmal zumindest eine seiner zwei Stimmen Beppe Grillos „Fünf Sterne“-Bewegung gegeben hat.


Tatsächlich muss Letta eine äußerst heterogene Koalition aus Parteien zusammenhalten, die sich im Wahlkampf bitter befeindet haben. Nach den Wahlen im Februar hatte keine Partei eine klare Mehrheit. Weil der PD-Chef Pier Luigi Bersani erst keine Regierung zustande gebracht hat und dann nicht mehr seine eigenen Parteileute auf einen Namen für den neuen Staatspräsidenten einschwören konnte, hat sich der scheidende Präsident Giorgio Napolitano erneut wählen lassen und mit Enrico Letta den neutralsten Politiker ernannt, den er finden konnte: Mitglied der Mitte-Links-Partei PD, aber Zögling des Christdemokraten Beniamino Andreatta und – nicht zu unterschätzen – Neffe des Ex-Staatssekretärs und der rechten Hand Silvio Berlusconis Gianni Letta.

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„Von allen ist er der am wenigsten Schlimme“

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Die Reise führt ihn nach Berlin

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„Ein extrem anonymes Profil“

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  • In Italien.

  • Mama mia, wo leben Sie denn, MJM? In Deutschland, oder auf einem anderen Stern? Wenn Sie Ihren Beitrag sinngemäß auf Deutschland übertragen, dann ergibt das fast deckungsgleich eine Ist-Zustandsbeschreibung Deutschlands. Um Ihnen das ein bisschen näher zu bringen:
    Landtagsabgeordnete als Familienbetriebe, keinesfalls auf Bayern beschränkt, z.B. in NRW hat man damit schon länger Erfahrung, auch mit dem Vertuschen--- Politiker in den Aufsichtsräten von kommunalen oder kommunalnahen GmbH's oder AG's---- mit der Pandorabüchse der Landesbanken will ich gar nicht erst anfangen, ----staatliche Lotterien---- usw, usw.

  • Sie können davon aus gehen dass die Masse in einer Bevölkerung (und dies gilt nicht nur für Italien) aus Individuen besteht, die nicht nachdenken wollen, nur auf ihren persönlichen Vorteil bedacht sind, auch wenn dies anderen zum Nachteil wird und daher, alles andere als nobel, immer denjenigen hinterher rennen, der ihnen den größten persönlichen Vorteil verspricht. Viele der Wähler, die heute Grillo gewählt haben, haben vorher Berlusconi gewählt. Auch damals haben die Italiener an die leeren Versprechen des Herrn Berlusconi (der übrigens ein Teil der ersten Republik war aus der er hervor ging und schon das hätte die Italiener stutzig machen müssen)geglaubt. Der Mensch ist nun einmal ein Vorteilsahnnehmer und das sind wir wohl alle. Nur mit dem Unterschied dass die einen Intelligent sind, hinterfragen und über Konsequenzen gewisser Entscheidungen nach denken und die anderen eben nur an irgendwelchen Versprechen glauben. Auch ein Grillo verspricht Besserung, will einen anderen Weg einschlagen und wiegt die Zuhörer in den Glauben dass so alles (mal wieder) besser wird. Er erklärt aber nie und in keiner Form, was seine Entscheidungen (z.B. Banken pleite gehen lassen, die Sparpolitik aufgeben etc.) denn für Konsequenzen für Italien und das Italienische Wahlfolk, hätten.

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