Italiens Wahlkampf
TV total für Berlusconi

Beim Anblick des Fotos seiner Mutter treten Silvio Berlusconi beinahe Tränen in die Augen. „Alle meine Manager haben gesagt, ich sei verrückt, in die Politik zu gehen“, erzählt Italiens Regierungschef. Nur „Mamma“ sei nachts an sein Bett getreten und habe gesagt: „Wenn du meinst, das sei das Richtige, dann musst du den Mut finden, es zu tun.“ In der TV-Show „Il senso della Vita“, „Der Sinn des Lebens“, packt Silvio Berlusconi das Familienalbum aus.

HB MAILAND. Strahlend und gebräunt sitzt er da im weißen Designersessel und plaudert zu den harmlosen Fragen von Moderator Paolo Bonoli, der in seinem Pullunder über dem weißen Hemd noch mehr als sonst den braven Schwiegersohn mimt. Beflissen betrachtet der Talk-Master das Bild von Berlusconi mit gleich drei US-Präsidenten und lauscht dem Anekdötchen, wie sich die zwei jüngsten Töchter Berlusconis darum streiten, mit ihrem Vater im Bett zu kuscheln.

Bonoli ist nicht der einzige Talkmaster, der den Regierungschef und Milliardär in jüngster Zeit zu Gast haben durfte. Seit Wochen herrscht TV total für Silvio Berlusconi auf Italiens Mattscheiben. Ob Frühstücksfernsehen oder Abendshow: Wo die Italiener auch hinschauen, sie empfangen ihren Premier. Nach einer Studie der Medienagentur Klaus Davi & Co. hat der Premier seit Anfang des Jahres bis zum 7. Februar im Fernsehen über elf Stunden und sieben Minuten sprechen dürfen – sein Herausforderer, der ehemalige Präsident der EU-Kommission Romano Prodi, dagegen nur drei Stunden.

Am Samstag ist Schluss mit Showtime. Im Zuge der Wahlen am 9. April werden Abgeordnetenhaus und Senat aufgelöst, und damit beginnt die so genannte „Par Condicio“, eine Art politische Gleichberechtigung. Von nun an wird auf die Minute genau gemessen, dass beide politischen Lager die gleiche Sendezeit in Radio und Fernsehen erhalten.

„Unliberal“ findet Berlusconi die „Par Condicio“, die beiden Lagern den gleichen Zugang zu den Medien sichert. Kein Wunder: Der Medienunternehmer besitzt drei Fernsehkanäle und kontrolliert als Regierungschef indirekt auch die drei staatlichen Sender der Rai.

Berlusconi hat alles darangesetzt, die „Par Condicio“ zu seinen Gunsten zu ändern, ist damit aber am Widerstand auch der eigenen Koalition gescheitert. Mit einem Trick hat er die regelfreie Zeit bis zum Äußersten gedehnt: Der Premierminister überzeugte Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi, die Kammern zwei Wochen später als vorgesehen aufzulösen. Er müsse noch wichtige Gesetzesprojekte zu Ende bringen. Zwei weitere Wochen blieben die Medienaufseher ausgesperrt aus dem Wahlkampf.

Also: Bühne frei für ministerpräsidiale Tiraden gegen Richter, für Beschimpfungen ausländischer Medien, für Warnungen vor den Gespenstern des Kommunismus. Einen der schlimmsten Kommunisten, Fausto Bertinotti, den Vorsitzenden der Partei „Rifondazione Comunista“, besänftigt Berlusconi dann live, indem er ihm in der Talkshow „Porta a Porta“ im Sender Rai Uno gönnerhaft eine Uhr des Fußballclubs AC Mailand schenkt, dessen Präsident Berlusconi ist. Ebenso gönnerhaft staubt er auf seinem Canale 5 mit einem weißen Taschentuch dem Chef der Linkspartei „Margherita“, Francesco Rutelli, das Jackett ab.

Italiens Journalisten packen den Regierungschef meist mit Samthandschuhen an. Bei „Porta a Porta“ lässt Starmoderator Bruno Vespa gar die Sessel umstellen, nachdem sich „Il Presidente“ zuvor vor laufender Kamera beschwert hat, wie unbequem es sei, die Gesprächspartner links und rechts von sich zu haben.

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