IW-Forscher: Frankreich hängt Deutschland zehn Jahre hinterher

IW-Forscher
Frankreich hängt Deutschland zehn Jahre hinterher

Die EU-Kommission will Frankreich und Spanien mehr Zeit zum Sparen gewähren. Das ist auch notwendig. Insbesondere Frankreich gilt als Sorgenkind. Aus Expertensicht muss das Land rasch Reformen anschieben.
  • 49

BerlinNach Einschätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) wird Frankreich noch viele Jahre benötigen, um überfällige Reformen zum Erfolg zu führen. „Frankreichs Wirtschaft lahmt, nicht nur wegen der Konjunkturschwäche, sondern auch weil das Land jahrelang von der Substanz gelebt hat“, sagte der Leiter des Kompetenzfelds Internationale Wirtschaftsordnung am IW, Jürgen Matthes, Handelsblatt Online. Überfällige Reformen seien lange verschleppt, nur zaghaft angegangen und unter der Regierung von Francois Hollande anfänglich sogar aufgeweicht worden. „Jetzt steht Frankreich da, wo Deutschland vor zehn Jahren stand: in der Stagnation und vor einem – hoffentlich – neuen Reformkurs.“

Wie in Deutschland damals sei auch jenseits des Rheins eine linksgerichtete Regierung an der Macht, sagte Matthes weiter. „Wahrscheinlich kann nur sie gegen den absehbaren Widerstand der Gewerkschaften die nötigen Korrekturen umsetzen.“ Einige erste Anzeichen gebe es, etwa bei der Arbeitsmarkt- oder der angekündigten Rentenreform, aber auch bei den jüngst avisierten Erleichterungen für junge Wachstumsunternehmen. „Doch ist noch sehr viel mehr nötig“, betonte der IW-Experte. „Ob die Sozialisten sich in der Verantwortung für ihr Land so verbiegen wie damals die SPD, wird sich zeigen. Es wäre unsern Nachbarn zu wünschen.“ 

Dass die Lage Frankreichs kritisch ist, zeigen auch negative Einschätzungen der EU-Kommission, auch wenn die französische Regierung auf die Senkung der Wachstumsprognose für Frankreich betont gelassen reagiert. Der Unterschied zwischen der eigenen Prognose für 2013 von plus 0,1 Prozent und der EU-Schätzung von minus 0,1 Prozent sei "angesichts der Unsicherheiten (rund um die Vorhersagen) nicht bedeutsam", erklärte das Wirtschaftsministerium am Freitag in Paris. Die EU-Kommission habe Frankreichs Sparanstrengungen für den Zeitraum 2010 bis 2013 anerkannt und Paris nicht empfohlen, zusätzliche Sparanstrengungen zu unternehmen, betonte das Ministerium.

Die EU-Kommission geht in ihrer am Freitag vorgestellten Konjunkturprognose davon aus, dass die französische Wirtschaft dieses Jahr leicht schrumpfen wird. Bisher waren die EU-Experten von einem minimalen Wachstum ausgegangen, dieser Prognose hatte sich auch die französische Regierung angeschlossen. Das Haushaltsdefizit dürfte laut EU-Kommission mit 3,9 Prozent wieder deutlich über der EU-Obergrenze von drei Prozent liegen. Für 2014 sagt die EU-Kommission sogar ein Defizit von 4,2 Prozent voraus.

Die französische Regierung peilt für 2014 eigentlich ein Defizit von 2,9 Prozent an. EU-Währungskommissar Olli Rehn sagte aber am Freitag in Brüssel, die Pläne der französischen Regierung seien "viel zu optimistisch". Um unter die drei Prozent zu kommen, wären "viel bedeutendere" Anstrengungen notwendig. Angesichts der "wirtschaftlichen Lage" des Landes sei es aber "sinnvoll", Frankreich bei der Erreichung des Defizitziels zwei Jahre Aufschub zu gewähren.

Kommentare zu " IW-Forscher: Frankreich hängt Deutschland zehn Jahre hinterher"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Das grösste Problem in Frankreich:
    die Gewerkschaften im Land der Demonstrationen.

    U.a. deshalb sind die Lohnstückkosten in Frankreich gegenüber Deutschland in den letzten 12 Jahren um das Doppelte gestiegen.
    Dass ein Sozi, Herr Hollande die Homoehe in Frankreich anschiebt ist ja nett (für den ders braucht), aber lenkt nur von den eigentlichen wirtschaftlichen Problemen ab.

  • eine Wiedervereinigung hinter sich.

    Wir haben keine WIEDERVEREINIGUNG!
    Im Gegenteil!
    Uns wurde die Hälfte geklaut!
    Wir haben lediglich eine Teilwiedervereinigung mit der ehemaligen DDR!
    Die kommt uns alle über die "Zwei+Vier-Verträge" allerdings teuer zu stehen!

  • Was macht eigentlich eine Politik, wenn das intelligente Volk nicht mehr wählen geht?!
    Genau das Gleiche, wie jetzt auch schon!
    Sie regiert ohne oder gegen das Volk!
    Trotzdem: WÄHLEN GEHEN!- Wählen Sie eine echte Oppositionspartei, auch auf die Gefahr hin, dass die verlogene Regierungsmischpoke die Wahl schon seit langem fälscht!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%