IWF-Experte
„OECD-Chef wäre möglicher Strauss-Kahn-Nachfolger“

Edwin (Ted) M. Truman diente als Finanzökonom in den Regierungen Clinton und Obama. Markus Ziener sprach mit dem IWF-Experten über die Diskussion über die Nachfolge an der Spitze des Weltwährungsfonds.
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Handelsblatt: War das, was in New York geschehen ist, eine Falle für Dominique Strauss-Kahn?

Edwin M. Truman: Wir wissen es nicht. Aber solange jemand nicht überführt ist, gilt er als unschuldig. So verfahren wir in diesem Land in solchen Situationen.

Handelsblatt: Was war Ihre erste Reaktion, als Sie die Nachrichten hörten?

Truman: Unglaube. Ich konnte nicht glauben, was ich gehört habe.

Handelsblatt: Könnte ein Abgang Strauss-Kahns zu einem Kurswechsel führen?

Truman: Nicht notwendigerweise. Sie dürfen nicht vergessen, dass die Politik des IWF von der Mehrheit seiner Mitglieder getragen wird. Strauss-Kahn hat ja nicht gegen den Mehrheitswillen regiert.

Handelsblatt: Wen braucht der IWF jetzt?

Truman: Es muss jemand sein, der eine Vorstellung von den Dingen hat, die er will, der ein klares Ziel hat und auch in der Lage ist, die Ideen anderer aufzunehmen. Ein reiner Verwalter ist jetzt nicht gefragt.

Handelsblatt: Wer wäre aus Ihrer Sicht der ideale Nachfolger?

Truman: Es gibt viele wahrscheinliche Kandidaten – aus Europa, aber auch aus den Schwellenländern. Dort sehe ich vor allem Angel Gurria aus Mexiko, den derzeitigen OECD-Chef, sowie Arminio Fraga, den früheren brasilianischen Zentralbankchef.

Handelsblatt: Bisher haben sich Europa und die USA die Führung bei IWF und Weltbank aufgeteilt. Ist es damit vorbei, weil die Schwellenländer nach vorne drängen?

Truman: Ja, der Prozess der Personenauswahl an der Spitze muss anders gestaltet werden. Das heißt aber nicht, dass Europäer und Amerikaner bei der Auswahl ausgeschlossen sein sollten.

Handelsblatt: Wie groß schätzen Sie die Chancen des ehemaligen türkischen Wirtschaftsministers Kemal Dervis ein?

Truman: Ein durchaus plausibler Kandidat. Es kann passieren, dass sich der nächste IWF-Chef nicht mehr so intensiv mit Europa befasst, wie das unter Strauss-Kahn der Fall war. Dem wurde ja häufig der Vorwurf gemacht, er sei zu nachsichtig mit Europa und mache es den Regierungen dort zu leicht.

Handelsblatt: Wie werden sich die USA in der Führungsfrage positionieren?

Truman: Washington votierte in der Vergangenheit für jene Kandidaten, die die breiteste Unterstützung hatten. Die USA sind nicht dafür bekannt, dass sie anderen Ländern den Arm umgedreht haben, damit sie für ihren Favoriten stimmen

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent

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