IWF-Herbsttagung
Schuldensünder prügeln Euro-Retter

Zu wenig, zu zögerlich: Auf der IWF-Herbsttagung in Washington hagelt es Kritik an den Europäern, weil sie ihre Schuldenkrise nicht bewältigen. Andere Länder sind hoch besorgt - allen voran die überschuldeten USA.
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WashingtonEuropäer mit Regierungsverantwortung, die sich dieser Tage in Washington aufhalten, sollten sich am besten mit einem Hut und einer großen Sonnenbrille tarnen. Zumindest, wenn sie sich in die Gegend zwischen 18. und 20. Straße Ecke Pennsylvania Avenue wagen. Die Chance ist groß, dort von einem der hunderten Politiker, Notenbanker, Ökonomen oder Journalisten auf eine unangenehme Sache angesprochen zu werden: Wann bekommt ihr endlich eure Schuldenkrise in den Griff?
In der US-Hauptstadt beginnt am heutigen Freitag offiziell die Herbsttagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank, und Themen gibt es genug: die trüben Aussichten der Weltwirtschaft, die lahmende US-Konjunktur, die strauchelnden Banken. Doch schon vor Beginn scheinen sich die Teilnehmer nur für eines zu interessieren: die Krise im Euroraum. Der Druck nimmt zu.

Den Auftakt der Kritiker machte am Donnerstag IWF-Direktorin Christine Lagarde. „Es ist viel getan worden, aber es muss noch viel mehr getan werden“, sagte die Französin in einer Gesprächsrunde, an der unter anderem EU-Währungskommissar Olli Rehn teilnahm. Jetzt müssten die Regierungen gemeinsam die beschlossenen Schritte umsetzen, und zwar schnell. „Es gibt Hoffnung“, sagte Lagarde und klatschte einen Handrücken in die andere offene Hand. „Es geht nur noch darum, es hinzubekommen“.

Noch deutlicher wurde Austan Goolsbee, der ebenfalls in der Runde saß. „Die Politiker handeln nicht“, sagte der Ex-Wirtschaftsberater von US-Präsident Barack Obama in Richtung Berlin, Paris und Brüssel. Ihm gehen die Aktionen der Europäer nicht weit genug. Es müssten Konjunkturprogramme her, forderte Goolsbee, „nicht nur Sparmaßnahmen“. Besonders ins Visier nahm der Amerikaner die Deutschen. „Sie mögen es nicht, dass die Südeuropäer so viel Geld ausgeben“, sagte er. Doch solle Berlin eines nicht vergessen: „Die Deutschen haben davon profitiert“.

Der Ökonom hatte vor kurzem das Beraterteam einer Regierung verlassen, die selbst bis über beide Ohren verschuldet ist und zudem mit einer lahmenden Wirtschaft und hohen Arbeitslosigkeit kämpft. Das gab Goolsbee auch zu, allerdings trägt in seinen Augen die europäische Schuldenkrise daran Mitschuld, ebenso wie die Folgen der Katastrophe in Japan und der Ölpreis.

Auch sein ehemaliger Mitstreiter, US-Finanzminister Timothy Geithner, nutzte das Forum für ein weiteres ernstes Wort an Europa: Eine Pleite Griechenlands müsse um jeden Preis verhindert werden, sagte Geithner einmal mehr. Immerhin räumte er ein, dass auch der politische Streit in den USA über den Schuldenabbau zu Hause die Weltwirtschaft belaste.

Geithner kommt gelegen, dass die Amerikaner vor Beginn der Tagung etwas Druck von sich nehmen konnten. Innerhalb von drei Wochen hatte Präsident Obama zwei umfassende Programme vorgelegt, wie er die Jobkrise und die hohen Schulden in den Griff bekommen will. Ob die Pläne eine politische Mehrheit finden werden, ist mehr als fraglich. Aber Obama muss sich nun nicht mehr vorwerfen lassen, er unternehme nichts.

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Die Eurozone soll "schnell und wagemutig" handeln

Kommentare zu " IWF-Herbsttagung: Schuldensünder prügeln Euro-Retter"

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  • Was erwarten Sie, die leben doch von den Schulden oder vertreten als dereren Sprechpuppen zumindest deren Dealer von WallStreet. Wenn dann der geistige Horizont auch nur bis zum Bachnabel reicht und die Potentiale und Möglichkeiten der Welt entsprechend verengt und rein Vergangenheits bezogen gesehen werden, kommen solche Spinner bei heraus, die glauben, sie hätten was zu sagen.

  • Zitat:"Das gab Goolsbee auch zu, allerdings trägt in seinen Augen die europäische Schuldenkrise daran Mitschuld, ebenso wie die Folgen der Katastrophe in Japan und der Ölpreis."

    Golsbee gehört zu der Riege von Ideologen wie auch Geithner und Obama u.a., die nicht begreifen wollen, daß man Schulden nicht mit mehr Schulden beseitigt.

    Einen lahmenden Gaul reitet man nicht zu Tode, sondern steigt ab.

  • Dieser Wahnsinn muss langsam ein Ende haben. Die Schuldenkrise kann nicht mit immer mehr Schulden gelöst werden. Eine Umschuldung Griechenlands bzw. Insolvenz ist dringend erforderlich. Die Gläubiger müssen bluten wie bei jeder Insolvenz. Ansonsten lernen es einige nie, dass man bei der Kreditvergabe die Bonität des Schuldners prüfen muss.
    Eine Transferunion in der EU würde die falschen Anreize setzen. Abgesehen davon, dass Deutschland in keinster Weise die Schulden für den Großteil der anderen Europäer schultern kann. Unsere Verschuldung liegt bereits über 80 % des Bruttosozialprodukt. Eine höhere Verschuldung ist auch für uns nicht mehr tragbar. Trotz eines XXL-Aufschwunges waren wir nicht in der Lage unsere Verschuldung zu reduzieren. Bei einem zukünftige Abschwung der Wirtschaft wird die Verschuldung bei uns erheblich steigen. Wann eigentlich wollen die Dummschwätzer von Politikern endlich mit dem sparen anfangen?

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