IWF sieht Grundvoraussetzung für Erfolg gegeben
Indiens Industrie fasst auf dem Weltmarkt Fuß

Während sich China zu einer universalen Export-Weltmacht aufgeschwungen hat, macht Indien auf den Weltmärkten bisher nur mit Software von sich reden. Doch das ändert sich. Zumindest einige Branchen hören neuerdings den Lockruf des Weltmarkts.

NEU DELHI. „In jüngster Zeit haben Indiens Exporte einen Quantensprung gemacht,“ beobachtet Jonathan Anderson, Chefvolkswirt der Bank UBS in Asien. Nachdem der Anteil am globalen Export jahrzehntelang um 0,5 % pendelte, ist er innerhalb von zwei Jahren auf 0,85 % gestiegen und könnte bald 1 % erreichen. Damit spielt das Land immer noch eine Liga unter China, auf das 5 % aller Exporte weltweit entfallen.

Doch für viele indische Großunternehmen haben sich die Überseemärkte erstmals zu einem Wachstumsfaktor entwickelt. Bei den 550 größten börsennotierten Unternehmen des Landes wuchsen die Ausfuhren im Durchschnitt 10 % schneller als der Umsatz zu Hause. Bei Pharma-Firmen und Automobilzulieferern ist das Verhältnis von Exporten zum Umsatz am stärksten gestiegen: Um ein Fünftel. Große Unternehmen wie der Maschinenbauer Larsen und Toubro oder der Stahlkonzern Sterlite haben ihre Exporte innerhalb von fünf Jahren auf über 20 % ihres Umsatzes verdoppelt. Für Indiens führendes Pharmaunternehmen Ranbaxy ist Europa derzeit der größte Wachstumsmarkt, und Bharat Forge stellt Exporte ins Zentrum der Konzernstrategie: Der Metallverarbeiter liefert zum Beispiel Antriebswellen, die Mercedes in Sindelfingen in Luxusautos einbaut. Auf Kunden wie Renault, Ford, MTU, Volvo oder Mitsubishi entfallen 40 % des Umsatzes von insgesamt 431 Mill. Euro, im vergangenen Jahr hat das Unternehmen die Ausfuhren um 145 % gesteigert.

„Indien ist dabei, sich zu einem globalen Produktionsstandort für Industriegüter zu entwickeln,“ meint Citibank-Analyst Rohini Malkani. „Die Grundvoraussetzungen für ei-nen Erfolg bei Güterexporten sind gegeben,“ meint auch Kalpana Kochhar vom Internationalen Währungsfonds (IWF). Analysten glauben, dass die Pharma-, Textil- und Metallindustrie sowie Autozulieferer an den Erfolg der Softwarebranche anknüpfen können. Die Verbindung von niedrigen Lohnkosten mit guten Ingenieurkünsten gilt für Indiens Industrie als Wettbewerbsvorteil. Weil sie inzwischen gute Qualität zu günstigen Preisen finden, verstärken Konzerne wie Daimler-Chrysler, Siemens, Ford oder Wal-Mart ihre Einkaufsaktivitäten in Indien. Doch dürfte das Land in absehbarer Zeit weder Chinas breite Produktpalette erreichen noch dessen Ausfuhrvolumen.

Das Gros der indischen Firmen ist immer noch so rückständig, dass sich die Regierung genötigt fühlt, sie mit exorbitanten Zöllen vor internationalem Wettbewerb zu schützen. Doch hohe Zölle auf Vorprodukte bremsen wiederum die Exporteure. Noch schrecken außerdem die miserable Infrastruktur, das Fehlen von Sonderwirtschaftszonen, ein drakonisches Arbeitsrecht und bürokratischer Wildwuchs ausländische Investoren ab. Als Folge ist das Land deutlich weniger in die Weltwirtschaft integriert als alle ostasiatischen Konkurrenten. „Indiens Handelsliberalisierung ist Mitte der 90er-Jahre stecken geblieben,“ klagt Suman Bery, Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts NCAER (National Council of Applied Economic Research) . „Wir zahlen dafür einen hohen Preis,“ kritisiert der Direktor des führenden Wirtschafts-Think-Tanks.

Denn bisher boomen nur die IT-Dienstleistungsexporte, seit Januar sind sie um fast 40 % explodierten. Die Ausfuhren insgesamt sind in der ersten Jahreshälfte nur um 10 % gewachsen. Im Vorjahr waren es noch 19 %. Indiens Exporteure machen die moderate Aufwertung der Rupie für die Schwächephase verantwortlich. Allerdings: „Wäre der Exportsektor in der Breite wirklich effizient, könnte er damit umgehen,“ wiegelt UBS-Volkswirt Anderson ab. Trotzdem ist er überzeugt, dass Indien im Prinzip bei Güterexporten mit China konkurrieren kann. Ein paar Schlüsselreformen genügten, um im Industriebereich einen ähnlichen Boom zu entfachen wie bei Dienstleistungen. In einigen Bereichen gibt es Bewegung: Volkswirte erwarten Zollsenkungen zumindest für Investitionsgüter und Rohstoffe, und die Regierung erwägt Ausnahmeregeln beim Arbeitsrecht für die in vielen Bundesstaaten geplanten Sonderwirtschaftszonen.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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