IZA-Direktor Zimmermann
„Angst-Kampagnen wären Gift für die Krisenländer“

Dass die Euro-Krise soziale Unruhen auslösen könnte, hält der Bonner Wirtschaftsforscher Zimmermann für ein realistisches Szenario. Im Interview skizziert er, was jetzt zu tun ist, um das Schlimmste zu verhindern.
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Handelsblatt Online: Die Internationale Arbeitsorganisation (Ilo) warnt wegen einer womöglich massiv steigenden Erwerbslosigkeit vor Unruhen in der Euro-Zone. Ist die Warnung berechtigt?

Klaus F. Zimmermann: Die Ermahnungen des ILO-Reports sind jetzt angebracht und die möglichen Schwierigkeiten sind riesengroß. Denn für die  Akzeptanz der europäischen Idee ist  jetzt die Frage entscheidend: Wie kommen wir in der Europäischen Union zu neuen Jobs? Ziel der EU ist es gemäß den jüngsten Beschlüssen bis 2020 17,6  Millionen zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen, also eine Erwerbsquote von 75 Prozent bei den 20- bis 64-Jährigen zu erreichen. Derzeit liegt diese Quote bei 69 Prozent. Das gesteckte Ziel ist also überaus ehrgeizig.

Und mit den Krisenländern womöglich nicht zu erreichen?

Die Menschen in den Krisenstaaten im Süden Europas werden die notwendigen Reformen auf diesem Weg, insbesondere eine größere Flexibilisierung der Arbeitsmärkte nur mittragen, wenn sie im Gegenzug auch eine realistische Perspektive für mehr Beschäftigung  erkennen können. Einer der wichtigsten Ansätze hierfür ist eine Reform der beruflichen Bildung, die in vielen Ländern praktisch nicht existiert. Mit seinem „dualen System“ hat Deutschland hier ein Modell geschaffen, das in vielem Vorbild sein kann. Deshalb sollten die Kammern, Wirtschaftsverbände und Unternehmen in Deutschland auch im eigenen Interesse unverzüglich beginnen, durch Patenschaften einen Know-how-Transfer zu ermöglichen.

Was heißt das konkret, sollen die jungen Leuten zu uns kommen?

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) schätzt, dass allein in diesem Jahr bei uns rund 80.000 Lehrstellen unbesetzt bleiben. In den kommenden Jahren verschärft sich dieser Mangel noch weiter. Daher ist es klug,  ausbildungswilligen jungen Griechen, Spaniern, Italienern bei uns eine Chance zu geben. Viele von diesen jungen Fachkräften werden dann später mit den gewonnenen Erfahrungen wieder in ihre Heimatländer zurückgehen und dort beim weiteren Aufbau helfen, wenn sich dort die  wirtschaftlichen Bedingungen verbessern sobald die Reformen greifen.

Lässt sich damit das Schlimmste verhindern?

Offene Arbeitsmärkte in Europa und eine aktive Förderung von Migration durch ein ganzes Paket konkreter Begleitmaßnahmen sind ganz entscheidende Ansatzpunkte, damit das Krisenszenario der ILO nicht Wirklichkeit wird. Dazu gehört eine europaweit wirksame Arbeits- und Ausbildungsvermittlung.

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"Gewerkschaften stehen vor großer Bewährungsprobe"

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  • Was die Südländer - von Portugal bis Griechenland - brauchen, sind Investitionen, die Arbeitsplätze schaffen und Einkünfte bringen werden. Dazu sind wirkliche Wachstumsprojekte nötig.
    Wenn man sich erinnert, dass die Europäische Zentralbank (EZB) vor rund einem halben Jahr den europäischen Banken über eine Billion Euro zu einem Zinssatz von einem Prozent für drei Jahre zur Verfügung gestellt hat und mittlerweile den Leitzins sogar noch auf 0,75 % gesenkt hat, dann kann man sich auch vorstellen, dass die EZB hunderte von Milliarden einer öffentlichen Bank zur Finanzierung vernünftiger Wachtumsprogramme zur Verfügung stellt. Da diese öffentliche Bank keine Profite machen muss, kann sie diese Kredite mit einem geringen Aufschlag, der gerade ihre Kosten deckt, zur Finanzierung von Wachstumsprogrammen weiterreichen.
    Wie könnte ein solches Wachstumsprogramm aussehen? Beispielsweise Energieversorgung: Das Fraunhofer Institut hat in einer im Mai veröffentlichten Studie gezeigt, dass freistehende Solarkraftwerke in Spanien konkurrenzfähig sind gegenüber konventonellen Kohle- und Gaskraftwerken, und das sogar bei den in Spanien aktuell üblichen Finanzierungskosten. Jetzt muss man sich erstens klarmachen, dass durch die oben beschriebene preiswerte Finanzierungsmöglichkeit in Höhe von etwa 1 Prozent die Kosten solcher Investitionen noch geringer wären. Zweitens ist zu berücksichtigen, dass dagegen die Beschaffungskosten für Kohle und Gas zukünftig aller Wahrscheinlichkeit nach weiter steigen werden, so dass in Zukunft Solarkraftwerke in Mittelmeerländern aller Voraussicht nach billiger Strom produzieren werden als konventionelle Kraftwerke. Ein solches Projekt würde Einkünfte bringen, mit denen die Kredite auch tatsächlich bedient und zurückgezahlt werden könnten. Des weiteren würden solche Projekte Investitionen in neue Stromtrassen sowie Forschung und Entwicklung von Speichertechnologien anregen. So können wirkliche Wachstumsprojekte aussehen.

  • Zitat aus Artikel: "Die Menschen in den Krisenstaaten im Süden Europas werden die notwendigen Reformen auf diesem Weg, insbesondere eine größere Flexibilisierung der Arbeitsmärkte nur mittragen, wenn sie im Gegenzug auch eine realistische Perspektive für mehr Beschäftigung erkennen können. Einer der wichtigsten Ansätze hierfür ist eine Reform der beruflichen Bildung, die in vielen Ländern praktisch nicht existiert. Mit seinem „dualen System“ hat Deutschland hier ein Modell geschaffen, das in vielem Vorbild sein kann. Deshalb sollten die Kammern, Wirtschaftsverbände und Unternehmen in Deutschland auch im eigenen Interesse unverzüglich beginnen, durch Patenschaften einen Know-how-Transfer zu ermöglichen."

    Das ist ja hübsch gedacht, aber nur Tröpfchen auf den heißen Stein. Bei 24,6 % Arbeitslosen, Stand Mai 2012 in Spanien, und den bekannten 50% bei der Jugend bringen solche Ideen unterm Strich - wieviel?

    Beginnen kann man solche "Maßnahmen", wird aber insges. die Lage nicht verbessern.

    Rajoy fordert stattdessen gleich Nägel mit Köpfen, damit der Euro rollt: Die EU braucht eine Bankenunion mit Eurobonds und einer gemeinsamen Aufsichtsbehörde, wie im Video auf S.2 des Artikels.

    Der September 2012 wird heiß.


  • "Zinswirtschaft schafft eben keine Kaufkraft, sondern versucht Besitz zu sichern, und ohne reale Produkte/Hintergründe Geld, Macht und Eigentum zu mehren. Sie schöpft also Kaufkraft in Wirklichkeit ab."

    Zustimmung. Es gibt an Ihren Wünschen für eine Änderung nur ein ganz fieses Problem: Diejenigen, die diese Zinseinkünfte generieren und somit Einnahmen ohne jegliche Aktivität/Nutzen für die Gesellschaft generieren, werden diesen angenehmen Zustand nicht kampflos aufgeben. Und leider haben exakt diese Herrschaften das Sagen, incl. ihrer Lobbyisten und hörigen Politabgreifern.
    Alle die, die weltweit die Stellschrauben in der Hand haben, leben nach diesem System und profitieren von diesem System. Glauben Sie ernsthaft, irgendeiner von denen interessiert sih für Ihre Wünsche?
    Und deshalb wird nur ein Systemcrash und das Verschwinden dieser Leute von den Hebeln der Macht einen vernünftigen neuanfang ermöglichen.
    Und deshalb sind die Kommentatoren hier keine Untergangspropheten, im Gegenteil !
    Nur wenn das Alte zerstört wird, kann etwas Neues, besseres entstehen :-)

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