0 Bewertungen
10.04.2008 
Olympischer Fackellauf

Ja, wo laufen Sie denn?

Aus Angst vor massiven Protesten gegen die Tibet-Politik der chinesischen Regierung ist der olympische Fackellauf durch San Francisco in letzter Minute umgeleitet worden. Tausende Gegner wie Zuschauer entlang der eigentlich geplanten Route warteten vergebens.

Die Fackelläufer nahmen ihre Route fernab der Öffentlichkeit. Foto: dpaLupe

Die Fackelläufer nahmen ihre Route fernab der Öffentlichkeit. Foto: dpa

HB SAN FRANCISCO. Nach einem über zweistündigen Katz-und-Maus-Spiel hat der olympische Fackellauf in San Francisco am Mittwochnachmittag ein friedliches, aber glanzloses Ende genommen. Der erste Läufer nahm die Fackel auf einer Bühne an der berühmten Waterfront in der Bucht von San Francisco in Empfang und rannte dann in eine Lagerhalle. Dann fuhr eine Motorrad-Eskorte los, aber der Fackelträger war nirgends zu sehen.

Anschließend brachten Funktionäre die Fackel rund zwei Kilometer Richtung Inland und übergaben sie – fernab von Medien und Demonstranten – an zwei Läufer. Kurz vor Beginn des Fackellaufs am Mittwoch hatten die Organisatoren die ursprünglich 9,6 Kilometer lange Route um nahezu die Hälfte verkürzt. Der geplante Lauf entlang der Hafenpromenade wurde kurzfristig gestrichen, die offizielle Abschlussfeier an der Justin Herman Plaza, wo bereits tausende Menschen warteten, kurzfristig abgesagt. Die Behörden machten für die Absage Sicherheitsgründe geltend. Die Feier sollte an einem zunächst geheim gehaltenen Ort stattfinden.


Bildergalerie Bildergalerie: Olympischer Spießrutenlauf


Entlang der Strecke, die von tausenden Menschen mit tibetischen Flaggen gesäumt war, wurden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Der Zugang zur symbolträchtigen Golden Gate Bridge wurde ebenfalls erschwert, Aktivisten hatten sie zuvor für Protestaktionen gegen China genutzt.

Führende Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zeigten sich gestern bei einem Treffen in Peking erleichtert. Nach den teilweise gewalttätigen Protestaktionen bei den Fackelläufen in London und Paris nannte IOC-Präsident Jacques Rogge „die Situation in San Francisco besser“. Es sei aber nicht „die freudige Party“ gewesen, die man sich erhofft habe.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Indonesien verkürzt olympischen Fackellauf

David Perry, Sprecher der Fackellauf-Organisatoren, verteidigte die Programmänderung. Die „außergewöhnliche Maßnahme“ sei zum Schutz der Läufer getroffen worden, sagte Perry dem Lokalsender KTVU. Nach den Vorfällen in London und Paris hätten sich zahlreiche Fackelträger vor gewalttätigen Ausschreitungen gefürchtet. In den Stunden vor dem Lauf war es zu heftigen Wortgefechten zwischen chinesischen Olympia-Befürwortern und pro-tibetischen Demonstranten gekommen. Die Polizei musste eingreifen, um Gewalttätigkeiten zu verhindern.

Bürgermeister Gavin Newsom wehrte sich gegen scharfe Kritik, Zuschauer und Demonstranten um den Lauf betrogen zu haben. „Meiner Meinung nach hatten die Leute das Recht zu protestieren und die Fackel zu unterstützen. Das sah man auf der Straße. Wir haben keine Proteste verboten“, sagte Newsom. Peter Ueberroth, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der USA (USOC), begrüßte den Ablauf der Veranstaltung.„Die Stadt San Francisco wird global betrachtet dafür Applaus erhalten“.

Der deutsche IOC-Vizepräsident Thomas Bach nahm in Peking „mit großer Freude zur Kenntnis, dass in San Francisco nichts passiert ist.“ Auch der norwegische IOC-Marketing-Chef Gerhard Heiberg war „sehr zufrieden, weil es keine Verletzten gab“. Die schwedische IOC-Vizepräsidentin Gunilla Lindberg lobte die Entscheidung, den Fackellauf nicht abzubrechen: „Das war die richtige Entscheidung.“ San Francisco war die sechste Station der Fackel auf ihrer internationalen Reise nach Peking und die einzige auf nordamerikanischem Boden.

Nach San Francisco soll die Olympische Fackel nun noch nach Buenos Aires in Argentinien und dann in ein Dutzend weiterer Länder reisen, bevor sie am 4. Mai nach China kommt.

Angesichts der massiven Proteste gegen die chinesische Tibet-Politik hat Indonesien seinen Teil des olympischen Fackellaufs bereits deutlich gekürzt. Die Flamme sollte am 22. April ursprünglich über eine 15 Kilometer lange Strecke durch das Zentrum der Hauptstadt Jakarta getragen werden. Jetzt soll der Fackellauf nur in der Umgebung des Sportstadions stattfinden, wie der Leiter des Organisationskomitees, Sumohadi Marsis, der Zeitung „The Jakarta Post“ vom Donnerstag erklärte. „Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor“, sagte er. Seit dem 24. März, als der Fackellauf im antiken Olympia begann, kam es immer wieder zu Protesten.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige
Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück vor
  • Der glücklose Beck – Chro...

    Der glücklose Beck – Chronik eines Abstiegs

    Kurt Beck gibt auf. Nach immer neuen Tiefschlägen ist er vom SPD-Parteivorsitz zurückgetreten. Die Negativ-Schlagzeilen, denen er sich seit Sommer 2007 ausgesetzt sah, ließen die Popularitätswerte der SPD auf Bundesebene und zuletzt sogar in Becks Heimatland sinken. Di...Bildergalerie 

  • Steinmeiers Freunde und F...

    Steinmeiers Freunde und Feinde

    Frank-Walter Steinmeier führt die SPD bei der Wahl 2009 an. Doch nicht alle führenden Genossen sind ihm wohl gesonnen. Wie jeder Politiker hat auch Steinmeier parteiinterne Gegner und Unterstützer. Seine Freunde und Feinde im Überblick.Bildergalerie 

  • Müntefering ist wieder ga...

    Müntefering ist wieder ganz oben

    Franz Müntefering soll Kurt Beck als SPD-Vorsitzenden ablösen. Damit übernimmt der Sauerländer einen Posten, den er schon einmal hatte – und zwar von März 2004 bis November 2005. Er legte damals das Amt nieder, weil er seinen Wunschkandidaten im Parteivorstand nicht al...Bildergalerie 

  • „Datendieben den Garaus m...

    „Datendieben den Garaus machen“

    Auf einem Gipfeltreffen, das heute in Berlin stattfindet, suchen die Bundesregierung und Verbraucherverbände Wege, den illegalen Handel mit Kundendaten einzudämmen. Unternehmen fürchten das Verbot und warnen vor zu viel Regulierung. Einen Kompromiss zu finden könnte sc...Bildergalerie 

 

weiterGlobal Reporting

Ein-Parteien-Parlament in Ankara? 

07.09.2008Global Reporting

Wie schnell sich die Zeiten ändern: noch vor sechs Wochen balancierten der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan und seine islamisch-konservative AKP im Verbotsverfahren vor dem türkischen Verfassungsgericht am Rand eines politischen Abgrunds. Nun steht die Partei stärker da als je zuvor. Blog


weiterMadagaskar

Back to the USSR 

20.08.2008Madagaskar

Krieg als Mittel der Politik ist auch im 21. Jahrhundert keine Ausnahme und nicht den Despoten vorbehalten. Blog