Jacques Chirac
Zurückgeblieben im 20. Jahrhundert

Der gestrige Abend bescherte Frankreich einen Paukenschlag: Nach zwölf Jahren im Amt wird der amtierende Präsident Jacques Chirac nicht mehr zu den Wahlen im Mai antreten. Bestürzte Reaktionen blieben aus, zuletzt war Chirac auch aus den eigenen Reihen heftig kritisiert worden. Frankreich rechnet ab mit Chirac.

PARIS. Seine Präsidentschaft begann mit einem Verrat, begangen von seinem Vorgänger François Mitterrand. Der Sozialist hielt nicht viel vom Kandidaten seiner eigenen Partei, Lionel Jospin. Deshalb ebnete er Chirac heimlich den Weg zur Macht. „Ab August 1994 hat Mitterrand Chirac behandelt wie seinen Liebling“, erinnert sich Pierre Péan, Autor der neuesten Chirac-Biografie.

Als Kronprinz des noch amtierenden Präsidenten erreichte Jacques Chirac, was ihm bis dahin versagt blieb. Zwei Mal war er gegen Mitterrand angetreten. Zwei Mal, 1981 und 1988, hatte er verloren. Erst als Mitterrand ihm seinen Segen gab, schaffte er es: Am 7. Mai 1995 stieg Jacques Chirac auf in sein politisches Himmelreich: 52,6 Prozent der Franzosen öffneten ihm die Tür zum Élysée-Palast.

Genau zwölf Jahre später wird sich diese Tür wieder schließen – und zwar für immer. Am 6. Mai wählen die Franzosen ein neues, ein jüngeres Staatsoberhaupt. Jacques Chirac kandidiert nicht mehr. Das hat er gestern Abend im Fernsehen verkündet und Frankreich damit einen historischen Augenblick beschert.

Der Name Jacques Chirac ist mit dem Schicksal der fünften Republik seit ihren Anfängen verbunden. Schon dem Präsidenten Georges Pompidou diente er als Minister, unter den Staatschefs Valéry Giscard d’Estaing und François Mitterrand war er zeitweise Premierminister, bevor er 1995 schließlich selber Präsident wurde. Mit seinem Abschied endet nicht nur eine lange Karriere, sondern auch eine politische Ära.

Jacques Chirac geht schweren Herzens. Lange ließ er die Franzosen rätseln über seine Ambitionen. Noch in seiner letzten Neujahrsansprache schmiedete er Pläne für Frankreich, als ob seine Präsidentschaft niemals enden würde. Noch Mitte Januar fand er nichts dabei, öffentlich „über eine Kandidatur nachzudenken“. Nur zu gerne hätte der 74-Jährige weitere fünf Jahre in dem prunkvollen Präsidentenpalast nahe der Pariser Prachtstraße Champs Élysées residiert.

Doch er hat einsehen müssen, dass seine Zeit nach 40 Jahren Politik abgelaufen ist. Die Franzosen wollen ihn nicht mehr. Die Meinungsforschungsinstitute haben es längst aufgegeben, seine Popularitätswerte zu ermitteln. Das Ergebnis wäre wohl zu peinlich für das Staatsoberhaupt, wie eine Umfrage der Tageszeitung „Le Parisien“ vom vergangenen Wochenende eindrucksvoll bestätigt. „Er ist im Rentenalter und muss Platz für Jüngere machen“, heißt es da. Oder: „Wir brauchen Politiker, die Verständnis haben für Probleme der heutigen Zeit.“

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