Jacques Delors
„Das wäre der Niedergang“

„Die EU muss den Wettbewerb fördern, weil er uns stimuliert. Aber wir müssen auch die Kooperation ausbauen, weil sie uns stärkt. Und wir brauchen die Solidarität, weil sie uns eint“, sagt Jacques Delors. Im Interview spricht der frühere EU-Kommissionschef über die Zukunft des Binnenmarkts und soziale Gerechtigkeit in der erweiterten Union.

Handelsblatt: Monsieur Delors, 50 Jahre nach Unterzeichnung der Römischen Verträge ist Europa in der Krise. Der Verfassungsvertrag wurde in Frankreich und in den Niederlanden abgelehnt. Auch in Deutschland wächst die Unzufriedenheit mit der EU. Was läuft schief?

Jacques Delors: Viele Europäer haben Angst vor der Globalisierung. Außerdem beobachten wir in Westeuropa eine Entzauberung der Politik und der Demokratie. Die Bürger haben den Eindruck, dass die Politik immer weniger Einfluss auf den Gang der Dinge hat. Das ist der erste Grund für die Krise. Wir müssen ihn ernst nehmen, denn es handelt sich um ein echtes Problem.

Und was wäre der zweite Grund?

Die zweite Ursache sehe ich im Zeitgeist, im wachsenden Individualismus. Ich würde sogar von Ultra-Individualismus sprechen. Denn jeder kümmert sich nur noch um seine Probleme, kollektive Ziele spielen kaum noch eine Rolle. Zudem fällt es vielen schwer, sich zugleich als Deutsche und als Europäer zu fühlen. Manche Politiker – nicht in Deutschland, aber in anderen EU-Ländern – spielen mit dem Nationalismus.

Wie erklären Sie sich das „Non“ der Franzosen zur Verfassung?

Bei einem Referendum antwortet man nicht immer auf die gestellte Frage. Ich glaube, dass es bei der Volksabstimmung 2005 viele Anlässe zur Unzufriedenheit in Frankreich gab, die nichts mit Europa zu tun hatten. Außerdem ist es mir nicht gelungen, die Kompetenzverteilung in der EU zu erklären. Für die Arbeitslosigkeit in Frankreich ist nicht die EU verantwortlich. Für die Wirtschafts- und Sozialpolitik sind vor allem die Nationalstaaten zuständig. Diese Rückkehr zu den Fakten ist nicht gelungen.

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