Jahrestag
Kaukasus: Unruhe im Hinterhof

Pünktlich zum ersten Jahrestag des Kaukasus-Krieges hat der georgische Präsident Micheil Saakaschwili vor neuen schweren militärischen Auseinandersetzungen mit Russland gewarnt. Das zeigt: Auch ein Jahr nach Ausbruch des Krieges in Georgien fehlt Russland weiter ein schlüssiges Konzept, um die explosive Lage in der Region zu entschärfen.

MOSKAU. Ein Jahr nach dem Kaukasus-Krieg ist immer noch keine Ruhe in der Region eingekehrt. Die Spannungen in der abtrünnigen georgischen Provinz Südossetien haben in den vergangenen Tagen wieder zugenommen. Separatisten in Südossetien und georgische Soldaten werfen sich gegenseitig Angriffe mit Schusswaffen und Mörsern vor. Russland hat seine dort stationierten Truppen in Kampfbereitschaft versetzt. Nach einem Telefongespräch zwischen US-Präsident Barack Obama und seinem russischen Amtskollegen Dmitrij Medwedjew beruhigte sich gestern die Lage zwar kurzfristig. Doch unter der Oberfläche gärt es weiter.

Die Gefahr eines Kaukasus-Krieges gebe es noch, sagte Saakaschwili am Freitag in der ARD. So sei der russische Ministerpräsident Putin noch immer an der Macht, und "er hat sich verpflichtet, mich an irgendeinem Teil meines Körpers aufzuhängen", sagte Saakaschwili laut Übersetzung des Senders. Nach Presseberichten hatte Putin dem vor einem Jahr um Vermittlung bemühten französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy gesagt, er werde den georgischen Staatschef "an den Eiern aufhängen". Saakaschwili warf Russland vor, den Krieg um Südossetien angezettelt zu haben.

Am 7. August vergangenen Jahres hatten russische Truppen die Grenze nach Südossetien überschritten, nachdem die georgischen Streitkräfte eine Offensive gegen die abtrünnige Republik begonnen hatten. Schnell gelang es den russischen Panzern, die georgische Armee in die Flucht zu schlagen und tief ins georgische Kernland vorzustoßen. Ein von der EU vermittelter Waffenstillstand beendete schließlich nach fünf Tagen die Kämpfe. Die Europäische Union sorgt nun mit einer Beobachtermission für die Einhaltung der Waffenruhe - ein, wie sich in den vergangenen Tagen gezeigt hat, heikles Unterfangen. Auch Russlands stellvertretender Außenminister Grigorij Karasin musste gestern einräumen, es sei "schwer festzustellen, wer auf wen geschossen hat".

Die Scharmützel an der Grenze zu Georgien sind bei weitem nicht die einzigen Probleme, mit denen Russland im Kaukasus zu kämpfen hat. Während der Waffengang mit dem Nachbarn schnell beendet war, schwelt seit Jahren ein anderer Krieg - in den eigenen Grenzen: Ob Tschetschenien, Inguschetien oder Dagestan - Moskau bekommt seine Kaukasusrepubliken nicht in den Griff. Terror, Morde - wie zuletzt an der tschetschenischen Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa - und Entführungen nehmen kein Ende. Die Lage in der Region, dem Armenhaus Russlands, bedroht die Stabilität des Landes, obwohl der Kreml den Kaukasus mit jährlich Milliarden Rubel alimentiert.

Mehr als 300 Anschläge gab es allein in den ersten fünf Monaten des Jahres im Kaukasus: 75 Polizisten und 48 Zivilisten starben dabei. Russland selbst meldete die Tötung von 112 "Banditen". Ein schwerer Schlag für Präsident Medwedjew war der Anschlag auf den inguschetischen Präsidenten Junus-Bek Jewkurow, der diesen schwer verletzt überlebte. Der ehemalige Militär war erst seit kurzem im Amt, hatte in der Unruheprovinz den Ausgleich mit der Opposition gesucht und den Kampf gegen die Korruption aufgenommen.

Auch in Tschetschenien, wo zwei Kriege um die Unabhängigkeit bis zu 100 000 Opfer forderten, ist unter der Knute des von Ministerpräsident Wladimir Putin gestützten Ramsan Kadyrow nur an der Oberfläche Ruhe eingekehrt: Erst vor wenigen Wochen riss ein Selbstmordattentäter sechs Menschen in der wiederaufgebauten Hauptstadt Grozny mit in den Tod.

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