Japan Abgekapselt und selbstzufrieden

Handelskonflikte gefährden die Globalisierung. Aber auch von anderen Seiten droht Gefahr: Länder wie Japan schotten sich mental und wirtschaftlich ab. Die Nation hat Angst vor dem Ausland, und die Folgen dieser Furcht werden immer offensichtlicher.
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Japan isoliert sich aus Angst international. Quelle: Reuters

Japan isoliert sich aus Angst international.

(Foto: Reuters)

TOKIO. Die Welt fürchtet sich vor zunehmend erbittert geführten Währungskonflikten, die zu handelspolitischen Auseinandersetzungen hochkochen könnten. Der deutsche Wirtschaftsminister Rainer Brüderle warnt vor einem Handelskrieg. Im schlimmsten Fall könnte der, wie in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg geschehen, viele der weltwirtschaftlichen Verbindungen zerstören, von denen unser Wohlstand abhängt.

Eine Abkehr von der Globalisierung droht allerdings nicht nur durch ausufernde Währungsscharmützel. Noch unbemerkt wenden sich manche Länder, die früher die Internationalisierung vorangetrieben haben, heute von ihr ab. Japan ist ein solcher Fall: Das Land kehrt der Welt den Rücken. Provinzialismus, zunehmende Unfähigkeit, Experten und Kapital anzuziehen, und wirtschaftliche Stagnation sind die Folgen. Das Japan-Syndrom könnte, sieht man sich die aktuellen Ausländer-Debatten an, auch der Bundesrepublik drohen, wenn sie in eine ähnliche mentale Abschottung verfällt.

Zunächst fällt es am Pass auf: Japaner akzeptieren keine ausländischen Namen in ihren Reisedokumenten. Kindern aus gemischten Ehen wird einfach der Nachname des japanischen Elternteils verpasst, der ausländische taucht bestenfalls als Klammerzusatz auf. Wäre es damit getan, könnte man darüber lächeln. Diese Weltabgewandtheit aber ist ein gesellschaftliches Prinzip, das auch das Wirtschaftsgeschehen in Japan mehr denn je dominiert. Und das ist ein Problem für die drittgrößte Wirtschaftsnation der Welt.

Seit Jahren verharrt sie in Wachstumsschwäche. Angestammte Märkte gehen verloren, weil China, der schwierige Nachbar, Japan zunehmend bei industriellen und konsumnahen Massenprodukten verdrängt. Japan muss zum Erzeuger von spezialisierten Qualitätsprodukten werden. Dafür aber hapert es zu sehr an der Bereitschaft, nicht nur Güter zu exportieren, sondern auch das eigene Land voll und ganz in die Weltwirtschaft zu integrieren.

Für Japaner ist Englisch zu sprechen noch immer keine Selbstverständlichkeit. Natürlich findet man auch im Land der aufgehenden Sonne die Anglophilen, in der seit jeher englisch-dominierten Finanzbranche etwa oder in Pressestellen, die für das Ausland zuständig sind. Aber schon in der durchschnittlich gebildeten Familie, auch wenn die Mitglieder von renommierten Universitäten kommen, ist eine Unterhaltung nur auf Japanisch möglich. Die Zahl der Englisch-Lernenden ist sogar rückläufig.

Zugleich zieht es Japaner immer seltener ins Ausland. Die Präsidentin der Harvard-Universität beklagte sich kürzlich darüber, dass die Zahl der Studenten aus Japan seit 15 Jahren kontinuierlich abnimmt. Südkorea dagegen, um 76 Millionen Einwohner kleiner als Japan, sendet mittlerweile zweieinhalbmal so viele Studenten auf US-Universitäten. Die Japaner sind ein Volk von Nesthockern geworden. Von einstigen Wirtschaftserfolgen geblendet, zunehmend weltabgewandt und ängstlich gegenüber Fremden. Der japanischen Wirtschaft tut das alles andere als gut.

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8 Kommentare zu "Japan: Abgekapselt und selbstzufrieden"

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  • @Denis Reiner

    bis dahin könnte Japan längst pleite sein. Das Steueraufkommen sinkt seit Jahren in Japan und das Defizit wird immer größer. Schon jetzt muß Japan 28% seines Steueraufkommens für Zinszahlungen aufbringen obwohl der Staat nur 1,4% Zinsen für seine Schulden zahlen muß. Und aufgrund der demographischen Krise und der hohe Anteil der Alten sinkt die Sparquote. Schon bald kann sich Japan nicht mehr intern finanzieren und ist auf den internationalen Kapitalmarkt angewiesen. Dann wird es sehr schwer für Japan. Müßte der japanische Staat 1% mehr Zinsen zahlen, also 2,4% müßte er schon mehr als die Hälfte seiner Einnahmen für Zinszahlungen ausgeben.

    Japan muß sich öffnen und zwar schnell.

  • Toyota exemplarisch als Unternehmen darzustellen, dass exemplarisch Probleme mit der Globalisierung hat, ist schon sehr abenteuerlich. Meines Wissens hat es dieses Firma - trotz etwaiger Rückrufaktionen - bis an die Spitze aller Automobilunternehmen gebracht, weit vor Daimler oder VW.
    Auch ansonsten ist dieser Artikel leider wiederum ziemlich einseitig. Die Mär vom "verlorenen Jahrzehnt" der Japaner kann offensichtlich nicht aus den Kopfen heraus, wobei bei genauerer betrachtung "verloren" eine durchschnittliches Wirtschaftswachstum vom ca. 1,5% bedeutete. Davon konnten wir in diesem Zeitraum nur träumen. Weiterhin wird immer wieder die alternde Gesellschaft aufgeführt. Mit ist noch nicht hinreichend erklärt worden, wieso dies nur ein Nachteil sein soll, insbesondere da die Kaufkraft der "Alten" wesentlich höher ist als bei den Jüngeren. Das die "sich abkapselnde" japanische Gesellschaft es - entgegen fast aller anderen industriestaaten (China eingeschlossen) - geschafft hat, die Arbeitslosenrate in einem übervölkerten, verstädterten Land relativ niedrig zu halten und so sozialen Unruhen zu vermeiden (die bei uns zwangsläufig noch kommen), wird zu Unrecht kaum beachtet. Das, aufgrund des historisch erklärbaren Mißtrauens gegen Ausländer, kaum die typischen - hier alltäglichen - Probleme mit eingewanderten fremden Kulturen oder Volksgruppen bestehen, wird ebenfalls nicht wahrgenommen oder in seiner bedeutung verkannt. Sicherlich wird Japan eine schrumpfende Gesellschaft haben, deren Durchschnittsalter steigt, aber erstens war Japan sowieso übervölkert und zweitens trifft die Überalterung über kurz oder lang alle industrienationen, auch China.
    Japan hat DANN aber eine soziale, weitgehend in sich homogene Gesellschaft mit einer immer noch stärkeren Wirtschaft als Deutschland oder Frankreich.
    ich würde abwarten, wer sich DANN in einer Zeit größerer Herausforderungen eher behaupten kann.
    Globalisierung ist kein Allheilmittel. Das ist ja gerade der irrtum.

  • @Chris

    "Kurze Anekdote dazu: Man stelle sich vor in Deutschland würde ein Ladenangestellter sagen ,Der Ausländer möchte ein Fahrrad kaufen, kann mal jemand kommen?'"

    Sie sind ja lustig! Sie glauben also, ein solcher Kommentar sei in Deutschland nicht denkbar? Kleiner Tipp: Sie sind eben nie Ausländer in Deutschland gewesen...

  • Als selbst in Japan lebender und arbeitender Deutscher mit japanwissenschaftlichem Studienhintergrund finde ich den Artikel recht zusammenfassend. Das Problem ist tatsächlich eine gewissen Voreingenommenheit gegen das Ausland die einem Zentraleuropäer schon fast rassistisch vorkommt. (Kurze Anekdote dazu: Man stelle sich vor in Deutschland würde ein Ladenangestellter sagen "Der Ausländer möchte ein Fahrrad kaufen, kann mal jemand kommen?")
    All zu oft werden Globalisierungsdiskussionen im Privaten mit "Hier ist Japan, hier ist das eben so" abgewürgt, ohne sich der im Artikel geschilderten Prekarität bewusst zu sein

  • Soll und nicht soll'n!

    Gibt es eigentlich eine Editfunktion für angemeldete "Kommentatoren"?

  • "...Kampf um die internationale Elite für sich entscheidet. Hier ist die Parallele zu Deutschland und den blockaden, die bei uns bestehen, offensichtlich."

    Die Elite soll'n doch kommen! Darum geht es doch gar nicht in der, in Deutschland, geführten Debatte.

  • "Als den Amerikanern dieser Zustand zunehmend unangenehm aufstieß, schickten sie US-Kommodore Perry."

    So infantil verharmlosend wurde mir der imperialismus noch nie geschildert.

  • Sehr interessanter Artikel. Arbeite selber seit einigen Jahren in Japan und kann mich der Meinung des Autors nur anschliessen. ich habe manchmal das Gefuehl das die meisten Japaner die eigenen Strukturprobleme gar nicht wahrnehmen.

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