Japan-China
Politik mit Panda

Im Kern unterstützen die Japaner trotz aller Vorbehalte ihren großen Nachbarn – aus purem Eigeninteresse. Nippon kann sich ein wirtschaftlich schwaches China nicht leisten.

„Ökonomisch warm, politisch kalt“ nannten die Chinesen die Beziehungen zu der Insel vor ihrem Festland. Zwar ist die alte Feindschaft nicht überwunden, und die Rivalität um die Dominanz in Asien fängt gerade erst richtig an. Doch auf Ebene einer praktischen Arbeitsbeziehung reden die beiden Länder plötzlich erstaunlich produktiv miteinander.

Vieles spielt sich noch hinter den Kulissen ab: Japanische Diplomaten berichten von einer neuen Offenheit für Themen und Vorschläge bei ihren chinesischen Gesprächspartnern. Doch auch die Symbolpolitik auf der Bühne sieht besser aus als je zuvoAls sich der chinesische Präsident Hu Jintao und Japans Premier Yasuo Fukuda gestern in Tokio trafen, galt die Aufmerksamkeit wie immer jedem Wort, jeder Geste. Die Details sagen zusammengenommen: Wir sind wirklich entschlossen, etwas zu verändern. Nicht nur, dass Hu sich als erster chinesischer Präsident seit über zehn Jahren nach Japan aufmachte. Die Beteuerungen von Freundschaft und Zusammenarbeit der Nachbarn gingen deutlich über das Mindestmaß hinaus.

Zwar bleibt eine Reihe von Konflikten bestehen. Doch es ist bereits ein Fortschritt, dass beide Seiten die Unstimmigkeiten sachlich als solche wahrnehmen. Bisher haben sie inhaltliche Themen mit Antipathien aus der Vergangenheit vermischt. China und Japan streiten beispielsweise um ein ergiebiges Gasfeld auf der Seegrenze zwischen den Ländern – doch jetzt haben die Führungspolitiker erstmals eine faire Aufteilung zumindest in Aussicht gestellt.

Eine noch viel stärkere Botschaft sandten jedoch die sichtbaren Gesten an die beiden Völker. Dass Hu den Japanern einen Pandabären als Ersatz für einen gerade verstorbenen Zooliebling verspricht, kommt auf beiden Seiten richtig gut an. Die Chinesen sind stets stolz auf ihre Pandas als Freundschaftsbotschafter. In Japan brachten populäre Web-Sites und die Privatsender das Bärenangebot gestern als Kernereignis des Staatsbesuchs.

Das ist wichtig, weil die Politiker auf sachlicher Ebene viel besser miteinander zurecht kommen, als sie zeigen dürfen: Allzu große Nettigkeit würden sowohl die Japaner als auch die Chinesen ihren Politikern als Schwäche auslegen. So forderte Japans Premier Fukuda pflichtgemäß, dass Hu weiter mit den Tibetern spricht. Da bereits Gespräche begonnen haben, ist das jedoch eine billige Forderung, die sich von chinesischer Seite schmerzlos erfüllen lässt.

Im Kern unterstützen die Japaner trotz aller Vorbehalte ihren großen Nachbarn – aus purem Eigeninteresse. Nippon kann sich ein wirtschaftlich schwaches China nicht leisten, weniger noch als der Rest der Welt. Im vergangenen Jahr hat das Reich der Mitte die USA als wichtigster Handelspartner für die Japaner abgelöst. Die Industrie hat Milliarden und Abermilliarden auf dem benachbarten Festland investiert. Und Japan setzt weiter auf China. Die Hoffnung, weitgehend unbeschadet durch ein Jahr der US-Schwäche zu kommen, basiert auf der Annahme weiteren Wachstums des großen Nachbarn.

Zwar zweifelt in Japans Wirtschaftswelt keiner mehr daran, dass China nach dem olympischen Sprint erst einmal ins Stolpern kommt. Doch ebenso sicher sind sich alle: Der Wachstumstrend ist intakt. Japan nimmt China längst als Chance wahr, nicht als Bedrohung. Chinas Bevölkerungsreichtum ermöglicht Japans Großunternehmen eine Ausweitung der Produktion in ungeahnten Dimensionen. China profitiert von Japans Know-how und Investitionen.

Zudem ist eine wichtige Vorbedingung erfüllt. Die derzeit amtierenden Staatsmänner sind Pragmatiker. Hu sucht gerade in einer Zeit internationaler Kritik wegen seines Umgangs mit den Protesten in Tibet nach Verbündeten; Fukuda ist ohnehin ein ausgleichender Charakter mit einem Lebenslauf als Versöhnungspolitiker. Damit unterscheidet er sich klar von seinen beiden Vorgängern, von denen eher nationalistische Töne kamen. Ganz entscheidend ist, dass Fukuda sich nun dazu durchgerungen hat, die Olympischen Spiele in Peking zu unterstützen. Hu wird ihm dankbar dafür gewesen sein. Denn Japan will ernsthaft für den Erfolg der Spiele werben.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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