Japan
Kriegsgedenken mit Beigeschmack

Die Gedenkrede von Shinzo Abe zum 70. Jahrestag des Kriegsendes wurde mit Spannung erwartet. Japans Ministerpräsident zeigt in der Ansprache Reue und sorgt damit für eine kleine Sensation. Doch es gibt Zweifel.
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TokioJahrestage zum Ende des zweiten Weltkriegs sind normalerweise der Zeitpunkt, um große Zeichen zu setzen. In Asien jedoch dürfte eher das Gefühl der Erleichterung dominieren, dass Japans Ministerpräsident Shinzo Abe in seiner sorgsam austarierten Gedenkrede zur Kapitulation Japans am 15. August 1945 Schlüsselbegriffe seiner Vorgänger aufgriff und damit die schlimmsten Befürchtungen seiner Skeptiker widerlegte. Der mühsame Entspannungskurs in Ostasien zwischen Japan und seinen Nachbarn Korea und China könnte weitergehen, wenn er am Sonnabend noch weitere Klippen umschifft.

Das ist nicht selbstverständlich. Geschichte ist in Ostasien noch immer brisant und ein Mittel von Innen- und Außenpolitik der Staaten. Besonders in Japan: Anders als in Deutschland gibt es in Japans Establishment keinen Geschichtskonsens. Eine starke Gruppe mit Abe als Aushängeschild versucht vielmehr, die in ihren Augen „masochistische“ vorherrschende Geschichtsschreibung und Entschuldigung für Japans Kriegsgreuel revidieren. Und Abe hat sich lange vor einer klaren Stellungnahme zu Japans Kolonisations- und Kriegsgeschichte geziert.

Daher fragten sich Beobachter mit sorgenvoller Spannung, ob Abe die vier Schlüsselworte verwenden wird, die die Ansprachen seiner Vorgänger Tomiichi Murayama und Junichiro Koizumi 1995 und 2005 ausgezeichnet hatten und die sowohl viele Japaner als auch China und Korea weiter fordern: tiefe Reue und tief empfundene Entschuldigung für Japans Aggression und Kolonialherrschaft?

Die gute Nachricht vorweg: Die Worte fallen in der am Freitag vom Kabinett beschlossene Rede. Damit dürfte Abe am Ende eines langen, gewundenen Prozesses einen diplomatischen Gau mit Japans Opfern China und Korea vermieden haben. Das Problem: Sowohl der Wortlaut als auch die Vorgeschichte der Rede hinterlassen einen faden Beigeschmack. Im In- und Ausland fragen Kommentatoren bereits, wie sehr die Rede das wirkliche Denken des Regierungschefs widerspiegelt. Denn auch in der jetzigen Form mussten ihm die Kernbegriffe geradezu aus der Nase gezogen werden.

Zuerst zur Textanalyse, die in diesem Fall hochpolitisch ist. Ja, er hat die bei Revisionisten verhassten Begriffe verwendet. Aber während Murayama und Koizumi sie prägnant in ihren rund 1300 Worte kurzen Reden in einem Schlüsselabsatz konzentrierten, verstreut Abe unter mehr als 3000 Worten und versucht mehr Gewicht auf Japans aktuellen Beiträge zum Frieden in der Welt zu lenken. Mehr noch: Er zitiert quasi die Entschuldigungen der früheren Regierungen anstatt sich selbst zu entschuldigen. Damit nimmt er der Geste ihre Kraft.

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