Japan und Korea streiten um Felseninsel
„Big Brother“ auf koreanisch

Seit Jahren streiten Südkorea und Japan um ein kleines Eiland, das außer ein paar Felswänden und einer Festung nicht viel zu bieten hat. Mit der Ansiedlung eines alten Fischerehepaares wollen die Koreaner endlich Fakten schaffen. Eine Handelsblatt-Reportage.

DOKDO / TAKESHIMA. Seewind und Salzwasser haben die Falten in ihrem Gesicht tief eingekerbt. Die Fischersfrau Kim Si-Yul schaut verlegen auf den Boden und zieht die schmalen Schultern in ihrem karierten Hemd nach vorne. Reden ist nicht ihre Sache. Ihr Leben hat sie am Meer verbracht, ist getaucht, um Fische zu fangen, wie es üblich ist in ihrer Heimat. Doch nun ist die 68-jährige Südkoreanerin zu einer seltsamen Repräsentantin ihres Landes geworden – weil sie und ihr Ehemann Seong-Do auf einer der einsamsten, unwirtlichsten und umstrittensten Inseln der Welt leben.

Nach Jahren der Abwesenheit ist das Ehepaar Kim im Februar zurückgekehrt auf die nur teilweise begrünte Felseninsel, die noch nicht einmal drei Kilometer im Umfang misst. Mehr als fünf Schiffsstunden vom Festland entfernt, ragt sie rund 170 Meter aus dem ruhigen Meer. Die Koreaner nennen die beiden Felsen Dokdo – „einsame Insel“, die Japaner Takeshima – „Bambusinsel“.

Aber nicht nur die Namen sind umstritten. Beide Länder – die zweit- und die zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt – beanspruchen die Felseninsel und die Rechte für das umgebende Meer für sich. Vor wenigen Monaten standen sie kurz vor einem Zusammenstoß, als Japan ankündigte, das Meer in der Nähe der Felseninsel untersuchen zu wollen, und die südkoreanische Küstenwache auslief, dies zu verhindern.

Ungelöste Territorialfragen sind keineswegs selten. Mehr als dreißig seien auf der ganzen Welt zu klären, sagt Professor Lee Seok-Woo, der sich an der südkoreanischen Inha-Universität auf internationale Territorialstreitigkeiten spezialisiert hat. Japan allein liegt mit China, Taiwan und Russland im Clinch.

Die Inselstreitigkeiten gelten mittlerweile auch in US-Regierungskreisen als ein möglicher Konfliktherd, der das stabile Wachstum in Nordostasien gefährden könnte. Der Druck des US-Allianzpartners ist ein Grund, warum Japans neuer Ministerpräsident Shinzo Abe in den vergangenen Tagen die Beziehungen zu Südkorea und China mit einem Staatsbesuch bessern wollte. Der neue politische Wind macht sich auch im Streit um Dokdo/Takeshima bemerkbar: Seit Samstag untersuchen Schiffsteams beider Länder das Meer in der umstrittenen Region erstmals gemeinsam auf Strahlen.

Der Konflikt jedoch schwelt weiter, denn es gibt keinerlei Anzeichen, dass Japan oder Korea ihre Ansprüche aufgeben. Zudem, meint Lee, sei der historisch tief verwurzelte Dokdo/Takeshima-Konflikt in Südkorea emotional so aufgeladen, dass jeder kleine Funke ihn wieder eskalieren lassen könne.

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