Japan vor dem G-8-Gipfel
Attac ohne Attacke

Auch in Japan gibt es Proteste gegen den G8-Gipfel. Aber im Land des Lächelns geht es selbst dabei höflich und zurückhaltend zu. Wer trotzdem Krawall schlägt, bekommt die volle Härte der Staatsmacht zu spüren.

TOKIO. Die Polizisten schieben von hinten mit ihren Schilden und zerren von vorne an den Armen der Demonstranten. Die Protestler in ihren Regenumhängen verschränken ihre Arme und bilden eine Kette, werden zum kompakten Block. Mit verzerrten Gesichtern stemmen sie sich gegen die Beamten. Doch die haben das kleine Grüppchen trotzdem spielend im Griff. „Weiter jetzt gefälligst!“ herrscht ein Polizist mit Helm und Schutzausrüstung einen der Demonstranten an.

Nur einen halben Meter entfernt stehen die Bewohner des ultrahippen Tokioter Stadtteils Shibuya und gaffen erstaunt unter Regenschirmen hervor – halbwüchsige Jungs mit gepflegt verschrubbelten Haaren in T-Shirts von Burberry, Mädchen in grellpinken Röcken mit Spitzenbesatz. „Das ist eine Demonstration. Tretet doch bitte lieber einen Schritt zurück, es kann gefährlich sein“, erklärt ein Schutzpolizist freundlich den gestauten Fußgängern. Sicherheitsleute des noblen Kaufhauses Marui nutzen ihrerseits die Gunst des Augenblicks: „Kommen Sie doch herein, hier ist es sicherer.“

Noch wenige Tage sind es bis zum G8-Gipfel im nordjapanischen Hokkaido, der am 7. Juli beginnt. Und auch in Japan wird demonstriert. Doch wie hier in Shibuya ist es fast immer, wenn es im Land des Lächelns etwas zu bemängeln gibt. Es fliegen keine Steine, es brennen keine Autos. „Wir von der Protestbewegung haben hier viel weniger Leute als in Deutschland, und der Stil ist auch anders“, sagt Yoko Akimoto, Geschäftführerin von Attac Japan.

Die Gesellschaft erlaubt nur wenig Abweichungen vom normalen Lebenslauf, eine aufmüpfige Phase wird den jungen Leuten kaum zugestanden. Und wer das nicht kapieren will, der bekommt auch schon mal die Härte der Staatsmacht zu spüren.

So wie Terumasa Uchida. Uchida ist auch in Shibuya dabei, „globale Konzerne wie Toyota beuten bloß junge Leute aus, um Riesenprofite zu erzielen“, erklärt der 29-Jährige seinen Protest. Bis vor zwei Jahren war er Student. Doch seine Uni hat ihn suspendiert, nachdem er sich der Protestbewegung angeschlossen hat. Im vergangenen Jahr saß er sieben Monaten im Gefängnis – in Siebenerzellen mit echten Verbrechern. Dabei hatte Uchida nur auf dem Campus der Tokioter Hosei-Universität für eine Demo gegen die Globalisierung geworben.

Aber nicht nur solche Aktionen sind ein Grund, warum Globalisierungsgegner und Demonstranten wie Uchida in Japan noch immer die absolute Ausnahme sind. Krawalle liegen den jungen Japanern einfach nicht. „Japan hat keine stark ausgeprägte, organisierte Protestkultur wie etwa die Länder Europas oder das Nachbarland Südkorea“, sagt Politologe Chris Winkler von der renommierten Keio-Universität.

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