Japan
Wie Japans Wählerbelästiger Premier Aso ärgert

Japan wählt am 30. August ein neues Parlament und steht vor einem historischen Machtwechsel. Für Katsuhito Yokokume die Chance, gegen Premierminister Taro Aso Front zu machen. Was der junge Abgeordnete der Opposition macht, hat es in sich und lehrt eine der größten Politkdynastien des Landes das Fürchten.

TOKIO. Die Holzkohle auf dem Grill glüht rot, der Wirt wendet seine Hähnchen-Spießchen. Rauchschwaden steigen auf und schlängeln sich zwischen roten Laternen hindurch auf die Straße. Vier Gäste sitzen an der Theke und warten auf die Leckereien. Da erscheint ein junger Mann im schwarzen Anzug an der Schwelle, verbeugt sich in den Rauch hinein und kräht: "Ich bin Katsuhito Yokokume von der Demokratischen Partei! Bitte seien Sie mir gewogen! Darf ich kurz reinkommen?"

Der beleibte Wirt, gut zwei Köpfe größer als Yokokume, blickt kurz vom Grillen auf, dann winkt er den Kandidaten mit einer Kopfbewegung in die wenigen Quadratmeter seines Ladens. Quer über den Oberkörper trägt der Gast ein Spruchband: "Auf geht's! Erneuern wir Japan!" Das Band wirkt ein wenig zu groß für Yokokumes schmalen Körper. Der Jungpolitiker drängt jedem der vier Gäste an der Theke ein Flugblatt mit seinem Foto und seinen Wahlversprechen auf. Einer der Spießchenesser lehnt knurrend ab, ein anderer ruft Yokokume aufmunternd zu: "Weiter so, gebt euch Mühe!"

Katsuhito Yokokume ist erst 27 Jahre alt, aber er will schon Parlamentsabgeordneter des Wahlkreises Kanagawa Nummer elf werden. Der liegt 50 Kilometer südlich von Tokio, gleich an der Pazifikküste in der Nähe einer US-Militärbasis. Seit Generationen regiert hier der mächtigste Politiker-Clan Japans, die Koizumis. Die Dynastie stellte Minister und Premierminister, und sie hielt stets den Sitz in Kanagawa elf. Koizumi-Sprösslinge wurden mit einem Erbanspruch auf den Wahlkreis geboren, er ist ihre Machtbasis. So lautete bisher ein ungeschriebenes Gesetz der japanischen Politik. Doch vielleicht gilt das bald nicht mehr. Katsuhito Yokokume ist angetreten, es abzuschaffen. Und es könnte ihm sogar gelingen.

Seit Montag ist klar: Japan wählt am 30. August ein neues Parlament. Und der Inselstaat könnte vor einer politischen Wende stehen. Erstmals seit 1955 könnten die Wähler eine Regierung abwählen. Führungsschwäche, Erfolglosigkeit und Vetternwirtschaft: Die vermeintlich unbesiegbaren Liberaldemokraten von der LDP wanken. Premierminister Taro Aso steht kurz vor dem Rücktritt, nicht einmal die eigene Partei mag ihn mehr stützen. Die Opposition kann Umfragen zufolge sogar auf eine absolute Mehrheit hoffen. Nach einem halben Jahrhundert einer de facto Einparteienherrschaft könnte in Japans Demokratie echte Parteienkonkurrenz einziehen.

Jahrzehntelang stilisierten sich die Liberaldemokraten als Hüter des japanischen Wohlstands. "Nun droht eine Auszeit in der Opposition", sagt Yasunori Sone, Parteienforscher an der Keio-Universität in Tokio.

Die Demokratische Partei greift derweil den geschwächten Gegner energisch an - so wie Nachwuchspolitiker Katsuhito Yokokume im Spießchen-Grill am Bahndamm vor dem Bahnhof Rössergraben-Küste im Süden seines Wahlkreises. Gelänge ihm hier der Sieg gegen die Koizumis, wäre das eine Sensation.

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